"Gesetze allein nützen nichts gegen Händler"

2. Oktober 2005, 22:58
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Leiterin des UN-Büro für die Bekämpfung von Menschenhandel Kristiina Kangaspunta - im Gespräch

Kristiina Kangaspunta leitet das UN-Büro für die Bekämpfung von Menschenhandel. Eine der größten Hürden sei, dass Opfer nicht als Opfer erkannt werden, sagt sie zu Eva Linsinger.

Standard: Wird Frauenhandel ausreichend bekämpft?

Kangaspunta: Es ist ein Teil der illegalen Migration. Wenn Frauen ihre Migrationspläne nicht realisieren können, dann ziehen die Menschenhändler daraus ihre Vorteile. Soweit zu den Ursachen von Menschenhandel.

Zur Legistik: Viele Länder haben zwar Gesetze gegen Menschenhandel, aber sie reichen nicht aus oder sie werden einfach nicht umgesetzt. Zum Beispiel Russland: Es hat ein Gesetz – aber nichts passiert. Gesetze allein nützen noch gar nichts gegen Händler. Außerdem müssen Polizei und Justiz erst Expertise mit Menschenhandel bekommen. Nicht zuletzt muss man die Aufmerksamkeit schärfen – damit Menschenhandel auch erkannt wird.

Standard: Kommen Sie an Menschenhändler heran?

Kangaspunta: Nur schwer. In vielen Ländern braucht man Opfer, damit Menschenhandel bewiesen werden kann. Aber in den meisten EU-Staaten können Opfer schwer identifiziert werden – das ist die größte Hürde für uns. Denn die meisten Opfer werden von niemand als Opfer von Menschenhandel erkannt. Da nützt es nichts, wenn wir Gesetze haben und Kooperation zwischen Polizei und NGOs, wenn wir nicht an die Opfer herankommen.

Standard: Hilfsorganisationen fordern, dass Opfer Aufenthaltsgenehmigungen erhalten sollen. Würde das helfen?

Kangaspunta: Ganz sicher. Aber in Europa können Opfer von Menschenhandel nur in Italien und Belgien auch nach dem Prozess gegen die Menschenhändler bleiben. In allen anderen Staaten werden Opfer entweder sofort zurückgeschickt – oder nach dem Prozess. Das erhöht die Motivation nicht gerade, gegen Menschenhändler auszusagen.

Standard: Glauben Frauen wirklich, dass sie als Künstlerinnen oder Kellnerinnen arbeiten werden?

Kangaspunta: Menschenhandel ist ein kompliziertes Verbrechen, auch deshalb können wir nicht verlangen, dass die Opfer wissen, was mit ihnen passiert. Außerdem ist die Opfergruppe alles andere als homogen. Manche von ihnen wissen wirklich nicht, was mit ihnen geschieht – zum Beispiel glauben die Hälfte der gehandelten Albanerinnen, dass sie heiraten und ein neues Leben mit dem Märchenprinz haben werden. Die andere Seite der Medaille sind junge Frauen aus der Ukraine oder Russland: Sie wollen auswandern – und sie wissen über das Risiko Menschenhandel, sie gehen aber trotzdem. Einfach in der Hoffnung, dass gerade sie nicht Opfer von Menschenhandel werden.

  • Kristiina Kangaspunta
    foto: standard

    Kristiina Kangaspunta

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