"Gordon, keep smiling"

25. November 2005, 15:20
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Tony Blair will die Macht an Finanzminister Gordon Brown abgeben, doch er lässt sich Zeit

Wann geht Tony Blair, wann kommt Gordon Brown? Die TB/GB-Show, wie Spötter das Quiz nach den Initialen der beiden Hauptdarsteller nennen, sorgt für knisternde Spannung – selbst wenn in der Labour-Partei, so wie jetzt auf ihrem Kongress in Brighton, von der Substanz her so gut wie gar nichts passiert.

Im Grunde ist das Ratespiel so alt wie der Pakt der beiden Rivalen. Blair und Brown, der Premier und sein Finanzminister, hoben New Labour einst im Duett aus der Taufe, rückten die britische Sozialdemokratie von links ins Zentrum und verhalfen ihr damit zu drei Wahlsiegen in Folge.

Brown ließ Blair 1994 den Vortritt, weil der telegener war, besser reden, die skeptische Mitte netter umschmeicheln konnte. Später wollte er, das intellektuelle Schwergewicht des Gespanns, selbst ans Ruder.

Lange Geduld Die Sache war abgemacht, ganz im Stile der Toskana-Fraktion bei einem schicken Italiener. Seitdem musste sich der zweite Mann lange gedulden, doch jetzt scheint er dran.

Dass Blair zur nächsten Parlamentswahl nicht mehr antritt und Brown den Staffelstab übernimmt, ist seit Frühjahr beschlossene Sache. Bleibt die Frage, wann es passiert. 2007? 2008? Oder erst 2009, kurz vor dem Unterhausvotum? Fragen, die den Wettbüros schon jetzt reges Interesse bescheren.

Nun ist Labour nicht Ladbrokes, sondern eine Regierungspartei, aber im Seebad Brighton herrscht trotzdem Rennbahnatmosphäre. Jeder Wimpernschlag, jedes Mienenspiel der Protagonisten wird sofort auf tiefere Botschaften hin überprüft. Hat Gordon nicht ein wenig zu eisig gelächelt, als Tony sprach?

Hat Cherie Blair nicht ein bisschen zu hysterisch gelacht, als sie beim Büchersignieren sagte, ihr Wegzug aus der Downing Street liege in so weiter Ferne, dass sie daran noch gar nicht denke? Das Einzige, was man schwarz auf weiß nachlesen kann, ist die Gordon-Tony-Passage aus Blairs Konferenzrede: "Ich stehe vor euch als der Erste in der Geschichte der Labour-Partei, der drei volle Amtszeiten in Folge gewann."

Volle Amtszeiten, keine halben! Nimmt man den Mann beim Wort, dann sieht es so aus, als käme sein Kronprinz erst kurz vor der Wahl ans Ruder. Also eher 2009. Es sei denn, Blair stürzt vorher über die Irak-Krise.

Falls es das Schicksal nicht noch gnädig mit ihm meint, geht er als derjenige Premier in die Annalen der Downing Street ein, der das Land in den umstrittensten Krieg seit der Suez-Krise von 1956 führte. Brown hat ihn in Sachen Irak unterstützt, aber nie mit großer Geste, sondern zurückhaltend, leise, so, dass es aussah, als hegte er Zweifel.

Brown, der Unbefleckte, könnte ein neues Kapitel aufschlagen. An dieser Stelle sei eine Prognose gewagt: Sobald die britische Armee aus Basra abzieht, wird der Finanzminister Regierungschef. So lange gilt, was ihm sein schottischer Landsmann John Reid, der Verteidigungsminister, zuraunte, als der Kongress dem Redekünstler Blair applaudierend zu Füßen lag: "Gordon, keep smiling." (DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2005)

Von Frank Herrmann aus Brighton
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