Von allen Enden der Welt das schönste

13. Mai 2005, 10:01
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Neuseeland ist weit, dahin zu kommen, ist teuer. Es lohnt sich in jedem Fall. Aber es geht auch günstiger: mit "WWOOFen", urlauben und arbeiten auf neuseeländisch.

Die ersten Lichter, Parties, sportliche Höchstleistungen, Konzerte, das ganze Spektakel zum Millennium samt gigantischer Feuerwerkerei war dort zu allererst am Globus - und ist auch als erstes verpufft, vorbei. Am schönsten aller Enden der Welt ist und bleibt es fein. Eine sanfte Art der Begegnungen spart zudem Geld: "WWOOFen", ein jetzt noch eher geheimnisvolles Kürzel für "Willing workers on organic farms", freiwilliges Arbeiten auf biologischen Höfen mit gleichzeitiger Urlaubsfinanzierung. WWOOF ist eine in den 70er-Jahren in England gegründete und mittlerweile international eng vernetzte Organisation in 60 Ländern, die - meist trampenden Menschen jeden Alters - Aufenthalte auf ökologisch bewirtschafteten Farmen, Gärtnereien, in Hotels und Bioläden mit Teilzeitarbeit im Naturalverkehr gegen Kost und Logis ermöglicht.

Ob Sonntagskind oder nicht - das Kennenlernen geht schnell. Ohne jede Hemmschwelle versteht man sich, ohne jegliche Bürokratie wird ein Auto gekauft und für rund zwei Wochen in der Nähe von Motueka auf einer großen Farm mit Behinderten nach Rudolf Steiner-Prinzipien gearbeitet. Das bedeutet gute und schwere Arbeit auf den Feldern, erholsame und leichte Freizeit in einem schon etwas windschiefen alten Holzhaus mit Veranda.

Mit Francois, Bernard und Anatol aus Französisch-Kanada werken wir in einem vegetarischen Hotelrestaurant. Bis sich beim Wechsel zur nächsten Arbeitsstelle, der immens großen Kiwi-Farm herausstellt, dass Desserts der Wiener Küche hier offenbar besonders gut ankommen. Und sich das Küchendasein ab nun auf Apfelstrudel meterweise und Buchtel in den Ofen schieben konzentriert. Der Konnex zu Österreich ist auffallend. Mit einer Sprachfärbung, die eher an das Englisch steirischer Eichen, versucht auch Koch Franz Lieber deutlich zu machen, warum es ihn vor einundzwanzig Jahren nach einigen Werksferien ins Land der Kiwis verschlagen hat.

Da ist vor allem diese Freundlichkeit der Menschen, diese Gelassenheit. Vieles bei den Kiwis, "die nennen sich wirklich so", mag nicht so perfekt sein und nicht so schnell erledigt werden. Aber es wird gemacht, man kann sich verlassen. Manche Eigenheiten muss man auch nicht verstehen. Etwa, dass Lieber gemeinsam mit einem Freund das steirische Kürbiskernöl über Christchurch im Land populär gemacht hat. Und dass "Neuseeländer doch tatsächlich 580 Schillinge dafür zahln, weil das schwarze Öl eben gerade ziemlich in ist." Mitteleuropäisches wird bevorzugt, nur "bei Sauerkraut, da rennen's." Unverständlich auch, dass es keine Schafmilch gibt. Bei 47 Millionen Schafen? Ja, verwendet wird eben vieles, Wollpullis gibt es auch schon genug. Aber Milch? Joghurt? Feta? Nein, nein, das gibt es wohl, aber von der Ziege.

In der Freizeit wird das Land entdeckt. Vor einer neuen WWOOFer-Adresse in Kaiteriteri nehmen wir das Wassertaxi und drei Tage, um den Abel Tasman National Park entlang zu wandern. Der Weg und die Übernachtung sind eher schlicht, mit wenig Essen und viel Wasser und vor allem mit dem strahlendem südlichen Sternenhimmel.

Die Devise nicht fotografieren, nicht Filme entwickeln lassen, sondern sich selbst entwickeln, setzt sich bei der Gruppe fort. Wir haben es auch bei der Arbeit so praktiziert, jetzt fällt es um so leichter. Mit dem Wagen an der Westküste entlang, weiter zum Westland- und zum Mount Cook National Park.

Julius von Haast, Geologe, sorgte im vergangenen Jahrhundert mit dem gleichnamigen Pass für die südliche Anbindung der West Coast. Und dafür, dass der nördlich liegende Gletscher nach dem von ihm verehrten österreichischen Kaiser benannt wurde. Ohnehin schon weltweit der größte Gletscher mit "guided walks" ist der Franz Joseph Glacier in den letzten zwölf Jahren nochmals um fast zwei Kilometer gewachsen, und das nur 20 Kilometer von der Küste entfernt.

In Shorts und Leiberl lernt die Truppe jetzt, mit Steigeisen und Pickel durch Riesenfarnbäume und ihre Grünschattierungen, fast so grün wie der jadeähnliche, meist marmorierte und nur an der Westküste vorkommende Greenstone, den feuchten Aufstieg durch den Regenwald zum Gletscher. Dann ist jeder Schritt gut aufgesetzt. "Nature is God's artistry", sagt Murray, der Bergfex. Beim Fox Glacier ein ähnliches Bild: täglich ein Gletscher mehr, noch sonniger, noch effektvoller, und umso notwendiger ist nun das exakte Gehen und langsame Schritt-für-Schritt-Weiterbewegen. Wir schlüpfen durch eine Eishöhle, einige bleiben in der Gletscherspalte stecken, werden freigeharkt.

Von der letzten Werksstation, wieder in Kaiteriteri für weitere zwei Wochen in der Küche eines Restaurants, geht es mit der allerersten Fähre von Picton nach Wellington. Jung und lebendig als Hauptstadt, im Te Papa Museum ansprechend die Gestaltung der Maoris und deren Naturverbundenheit. Ian Athfield, der weise und bekannte Architekt dieser Stadt, dieses Landes, lädt uns zum Tee ins Haus auf dem Hügel Khandallah.

Wir plaudern über unser und sein Arbeiten, über Freiwilligkeit und Verpflichtungen. Eine befreundete Maori-Prinzessin schreibt uns das Allerwichtigste auf: "He pai ki au te whenua nei aotearoa. Ko papatuanuku e takoto e manaaki i a tatou katoa. me hoki mai ano." Fragende Blicke. Ian erklärt uns die fremde Art des Patriotismus: "I love this country New Zealand. Mother Earth forever nurtures all of us. Please come again." Ach so.

Natürlich kommen wir wieder. Versprochen. (Der Standard, Printausgabe)

Von Elisabeth Marek, Claudia Werner
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