Tiaf

Redaktion
4. Oktober 2005, 13:43

Bin zum Boden senkrecht nach unten

Herzlich willkommen bei unserem fortlaufenden Forschungsprojekt "Wörter - wo sie zuhause sind und was man exakt mit ihnen meint". Heute möchte ich mir gemeinsam mit den p. t. Lesern das Wort "tiaf" vorknöpfen. Im gegenwärtigen österreichischen (oder nur ostösterreichischen?) Sprachgebrauch wird "tiaf" seit einiger Zeit nicht mehr nur in seiner eigentlichen Hauptbedeutung verwendet ("von beträchtlicher Ausdehnung senkrecht nach unten reichend"; Duden), es wird auch zur abwertenden Kennzeichnung von Veranstaltungen, Verhaltensweisen oder Örtlichkeiten herangezogen. "Tiaf" lässt sich dann mit "völlig stillos", "vulgär", "letztklassig" oder, derber, mit "unter jeder Sau" übersetzen.

"Tiaf" sein können in Österreich nicht nur Schwimmbecken oder Flüsse, sondern auch Schmähs, Clubbings oder Gastgewerbebetriebe ("a tiafe Hüttn"). Zu dieser uneigentlichen Verwendung von "tiaf" ein Beispiel aus einem Internet-Chat: "I woa am samstag im freibod in kefamorkt (i was, in kefermorkt is is freibod voi tiaf, oba zwa freindinnen und mei sista san ea gwesn und daun woas voi voi funny) und am obend beim sonnenwendfeuer (auf mühlviertlerisch: suniwändfeija), wos, wie jede veranstaltung in kefermorkt, voi tiaf woa, weil des voi schlecht organisiert woan is *hihi* oba irgendwie woas lustig!" Heike, 16, wiederum schreibt dieses: "waunsinn. des anzige wos a schas woa das so fü gstoin woan is aum zötplotz. des find i voi tiaf. oba sunst afoch nur supi!!!"

Interessant an dem Wort "tiaf" ist, dass es in seiner metaphorischen Bedeutung ("letztklassig", "vulgär") nur im Dialekt funktioniert, es gibt keine hochdeutsche Entsprechung ("Was dieser Politiker im Wahlkampf von sich gibt, ist tief"). Was das Gegenteil von "tiaf" ist, haben wir bereits aus dem Internet erfahren ("voi voi funny" oder "afoch nur supi") – jetzt wäre es noch interessant zu wissen, welche tiafen Sachen den verehrten Lesern sonst noch untergekommen sind.

Von
Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.

Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an
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Nachsatz:

das Gegenteil von "diaf" ist natürlich "seicht". Eine Party kann fad sein, weil sie zu seicht ist (brav, schnöselig, aufgesetzt, ...) oder schlecht weil sie zu "diaf" ist, wenn Bierflaschen zerschellt werden, herumgestänkert wird und Sierra Madre gesungen wird. "Diaf" sollte man nicht mit schlecht gleichsetzen - dafür sagt man im modernen Dialekt eher "grindig". Also der H.C. oder die Schulkinder-Einbürgerungsregel sind wenig diaf, als einfach nur grindig.

Da gibts so einen Spruch...

... der glaub ich aus einem Alkbottle-Album ist; selbiger lautet: "Lieber tiaf als seicht!" Cool, oder?

Eine "tiafe Hüttn" ist aber eine "tiafe Windn" - mit Verlaub!

wenn schon "ne tiefe hütte" - und das würden unsere bundesdeutschen freunde sagen, wenn sie versuchen, so zu reden, wie "die netten ösis"

Ka Bemmerl!

Meine Hochachtung an die im Artikel zitierten oberösterreichischen Poster... ich tät' ma schwer so einen Slang zu schreiben. (Da müßt' ich ja bei jedem Wort nachdenken, wie man das am besten schreibt, damit das andere auch noch verstehen können!)

tief = niveaulos

So hätten wir ganz schnell die hochsprachliche Entsprechung gefunden.

Lustig auch,

(Fortsetzung)

... dass sich zum "tief" und "tiaf" das eingemeindete "deep" gesellt, dass wieder in eine ganz andere Richtung deutet.

...schwimmt wiara Begöaisn - net weit owa tiaf...

Nicht nur im Dialekt...

Also in meiner Umgebung (Wien) wird tief sehrwohl auch im Hochdeutschen in selbiger Bedeutung verwendet! ZB "Die Leute im Lokal waren so richtig tief!"

des kummt ma vur...

... wie wannst in Soizburg in ans von diese Schickibeisln gehst und ane sogt "und glacht hamma und scheen wars gestern...". Uaaaah! "Na, das war aber ganz schön tief gestern, gell?" Aaargh! Schleich o.

Viele Leute reden ja gar nicht mehr wirklich im Dialekt. Wenn sie dann einzelne umgangssprachliche Worte verwenden, weil sie nun einmal allgegenwärtig sind und in ihrer Bedeutung schwer durch hochsprachliche zu ersetzen (wie eben das tiaf), werden die irgendwie zwangsläufig "eingehochdeutscht". Tiaf bleibt Dialekt und das ist auch gut so, aber manche können halt nicht anders als 'tief' zu sagen...
Vielleicht ist es auch wieder chic ein bisserl Wienerisch zu reden...?

Kenne einen Professor auf der Uni, der gibt gelegentlich von sich:" Das ist eine gemähte Wiese !"

schmerzen!!

klassisch

Genau so etwas meine ich; typisches Beispiel!

Das glauben die Wiener nur... Daß sie Hochdeutsch sprechen, nämlich.

Eingehochdeutschter Dialekt ist das tiafste überhaupt!

dem kann ich mich nur anschließen. gilt allerdings nicht nur of für wiener, sondern auch nicht selten für deutsche.

Beispiele

diaf is zum Beischbü, de U1, da Brådaschean (Praterstern), Meidling, s Kafee Bendl, am Wochnend int Nåchtschicht geh und da Heupi Müchi

H.C. und M.H.

Eine Empfehlung zum Thema Strache: Besucht die Website - die ist amüsant bis grauslich, jedenfalls tiaf! (Dazu noch ein Aufruf: Bitte, bitte an der Abstimmung zum Thema "Braucht Wien mehr oder weniger Zuwanderung" teilnehmen um das Ergebnis möglichst nicht nach h.c.'s Vorstellungen ausfallen zu lassen!)

Michael H., der im Vorhinein feststehende Wahlsieger der Bundeshauptstadt, wird wohl viele Blaue, die einmal Rote waren wieder zurückgewinnen und so seine Absolute verteidigen. D.h. er fischt im Jörgl-Lager... und das gekonnt. Das enttäuschende an H. ist nämlich, daß er durchaus niveauvoll sein kann, aber im Wahlkampf dann seine Prolo-Sprüche auspackt und damit offensichtlich punktet. Tiaf is' top und mehrheitsfähig.

s'bendl...

...mag zwar tiaf sein, des stimmt scho, aber es hat doch a was, wemma "hochrangige" burgschauspieler zwischen studenten u mehr oder weniger runtergekommen leut sitzen sieht, alle eingehüllt in a wolke herumflegender kaffeebohnen, die bei da letzten "koks"-runde übabliebn san..

ad Bendl

stimmt schon, s'Bendl is schon cool, aber diaf is trotzdem. Bis zu am gewissen Grad kann diaf a guad sei.

Brådaschdean ist genial! :-)
(hab mir nur erlaubt, das "d" einzufügen.)
Ich persönlich hab tiaf bzw. tief durchaus im aktiven Wortschatz. Wie sonst soll ichs denn nennen, wenn z.B. die Einbürgerung von Kindern an deren Schulnoten geknüpft ist? Das ist doch abgrundtief tief. Oder dumm oder niederträchtig oder was?
Und über den Michi H. können wir meinetwegen gemeinsam schimpfen, aber Slogans wie Deutsch statt nix vastehn und rettet den echten Wiener etc. sind einfach - ja - tief.

Tiafa gehts nimma!

Strache is da tiafste!
Neilich am Brunnanmoakt mit seine Soga:
"Pummerin statt Muezzin!"
"Wollts es lesn den Koran, mochts des do bei eich daham!"
"Wir kämpfen für die Ärmsten der Armen, Häupl für die Wärmsten der Warmen!"
No echt, gibts wos tiafas????

Das kann man wirklich nur mehr mit dem von mir gerne verwendeten tiaf-Superlativ als mariannengrabenmäßig bezeichnen.

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