Sie wissen nicht, was eine Melange ist"

22. Mai 2006, 17:55
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"Interface" als neue Zuflucht für junge Migranten, in der sie nicht nur Deutsch lernen

Wien - In der Kenyongasse 15 im siebten Bezirk hängen seit 1. Februar die Schilder von "Interface", einem Verein, der Start- und Niederlassungsbegleitung für 13- bis 19-Jährige bietet, die neu und legal nach Österreich kommen. Hier werden nachmittags Deutsch- und EDV-Kurse, soziale Betreuung und kulturelle Integrationsprojekte angeboten.

In zwei Stöcken des Gebäudes sind Jugendliche aus der ganzen Welt anzutreffen. "In letzter Zeit kommen Migranten vermehrt aus Russland, Afghanistan, Tschetschenien und Exjugoslawien", erzählt uns der Interface-Geschäftsführer Darijo Parenta.

Wöchentlich entscheidet ein Einstufungstest für circa 20 Schüler, in welche Leistungsgruppe sie kommen. Ein "Schwachpunkt" sei, dass Schüler aufgrund geringer Kapazitäten nicht in Altersgruppen unterteilt sind.

Die MA 17 finanziert das Projekt, für das jedoch ein Selbstbehalt von zehn Euro zu zahlen ist. "Für die meisten ist das viel Geld", sagt Parenta. Um interkulturelle Barrieren zu brechen, organisiert Interface auch Projekte außerhalb der Kursräume, z. B. einen gemeinsamen Kaffeehausbesuch, denn: "Viele wissen nicht einmal, was eine Melange ist." Nach Unterrichtsschluss wird Interface zum Treffpunkt der Jugendlichen - alle Türen stehen ihnen offen.

Rasche Integration

"Der Schritt, sich unter heimische Gleichaltrige zu mischen, ist für viele der schwierigste", weiß Parenta. Dieselbe Sprache zu sprechen sei ei- ne Voraussetzung dafür. Ein hundertprozentiger Migrantenanteil in der eigenen Klasse macht die Kontaktaufnahme fast unmöglich, erklärt Marina Gajic (14), Schülerin der Hauptschule Herzgasse in Favoriten: "Es ist schwer, Deutsch zu sprechen." Der Integrationsweg müsse kürzer sein, fordert Parenta: "Ein Jahr in der Schule zu sitzen und nichts zu verstehen ist eine lange Zeit." Aus diesem Grund sind auch der 13-jährige Ägypter Mohamed Karim und seine zwei Brüder im Interface-Programm. "Dreimal die Woche reicht", gesteht er lächelnd.

"Ich verstehe sie nicht, und sie verstehen mich nicht - das macht es sehr schwer, Freunde zu finden", sagt der Nigerianer Mark Agu (19) auf Englisch. "Wenn ich an meine Freunde denke, vermisse ich mein Zuhause." Seit zehn Monaten ist er in Österreich, seit neun besucht er beide Kurse: "Denn nur wenn ich die Sprache lerne, kann ich eine Arbeit bekommen." Parenta kritisiert: "Die Unsicherheit, ob man bleiben und arbeiten darf, macht Jugendliche kaputt." Auch zum Sitzenbleiber-Passus hagelt es scharfe Kritik von Experten. Für Radostin Kaloianov, Integrationsforscher beim Institut für Konfliktforschung (IKF), ist dieser "menschenunwürdig. Das ist die Spitze des Eisbergs - es steckt sehr viel Pathologie dahinter." (nina, muel; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.9.2005)

  • Migranten aus aller Welt lernen im Verein Interface im siebten Wiener Bezirk gemeinsam. Das Angebot umfasst EDV-, Deutsch- und Kreativkurse für 13-19-Jährige
    foto: standard/corn

    Migranten aus aller Welt lernen im Verein Interface im siebten Wiener Bezirk gemeinsam. Das Angebot umfasst EDV-, Deutsch- und Kreativkurse für 13-19-Jährige

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