Biografien und künstlerisches Schaffen

4. Oktober 2005, 14:25
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Über die Gruppe „W.E.G.“ und das eingereichte Projekt „mobiler Kost-Nix-Laden“

Ein typischer grauer Alltag an einer X beliebigen Einkaufsstraße:
Grell leuchtende Reklameschilder, schrille Musikfetzen aus Kaufhäusern oder Mobiltelefonen, lauter Autolärm, Betonschluchten. Die Menschen haben es eilig. Es wird gerempelt, geschimpft. Die Stimmung ist nicht gut – wie auch? Die Einkaufsstraße lässt weder Raum noch Zeit zum Leben. Es muss gekauft und verkauft werden, und das immer mehr, denn wir brauchen vor allem MEHR: mehr Geld, mehr Waren, mehr Wirtschaftswachstum, es muss immer mehr, bald alles, verWERTet werden! Für zwischenmenschliche Interaktion, die nicht dem Austausch von Waren und Geld dient, ist hier kein Platz.

Und dann plötzlich dieser Bus:
Schön ist er, auffallend. Nicht so funktional wie alles rundherum. Und alle auf den Tischen ausgebreiteten Dinge darf man sich nehmen, einfach so, ohne Gegenleistung! "Was machen die denn da?" fragen sich die PassantInnen. "Ist das wirklich alles gratis? Wie ist das möglich? Sind die verrückt?". Genau diese Millisekunde der Irritation ist das eigentliche Kunstwerk! Der geistige Bruch mit der Normalität, der hier stattfinden kann, ist das wirkliche Ziel. Der Bus als Riss in der Realität. Eine Oase der Langsamkeit im schnellen Wirbel der Straße. Der Bus bietet nur die räumliche Hülle für das Kunstwerk menschlichen Miteinanders.

Wo soll das alles nur hinführen:
Ein freier Fluss von Nehmen und Geben ersetzt die warenförmige Vergesellschaftung (Tausch und Wert). So setzt er bei den Strukturprinzipien des Kapitalismus an und versucht nicht nur, Symptome zu lindern. Die Stärke eines Kost-Nix-Ladens liegt in der Propaganda der Tat, die es ermöglicht Normen wieder zu verlernen und Alternativen aufzeigt. Die Utopie ist dabei kein dogmatisches Programm. Es ist ein Angebot, neue Formen des Zusammenlebens zu erproben. Die Etablierung globaler selbstorganisierter Netzwerke der solidarischen Kooperation; ein Beitrag zu einer Welt in der viele Welten möglich sind und alle nach ihren Fähigkeiten und Wünschen produzieren und nach ihren Bedürfnissen konsumieren können.

Welches G’sindel steckt denn dahinter:
Die Gruppe W.E.G.(„Wertkritische emanzipatorische Gegenbewegung“ wurde am 13. September 2003, während eines heftigen „brain-hurricanes“ von rund zehn Menschen ins Leben gerufen. In ihrer Grundsatzerklärung heißt es: ...Wir wollen eine freie Assoziation und Kooperation von Menschen, die nicht tauschen, sondern teilen, nicht konkurrieren, sondern zusammenarbeiten. Dabei gehen wir von den sozialen, geistigen, materiellen etc. Bedürfnissen, die wir hier und jetzt einbringen wollen, aus. Was wir angehen, ist ein Experiment; ein gemeinsamer Lernprozess, wie es uns besser gehen kann, wenn wir nicht kaufen, sondern teilen...

In der Folge wurden verschiedene Projekte gestartet, die in den Bereich „Solidarökonomie“ fallen. Über ein Jahr lang kochten und aßen dutzende Leute alle zwei Wochen gemeinsam unter dem Titel „W.E.G.zehr“. Gleichzeitig wurde auch ein Biogarten angelegt. Beim Austrian Social Forum 2004 in Linz wurde gemeinsam mit dem TÜWI eine große „Kost-Nix-Küche“ initiiert und organisiert. Weiters wurde ein „Virtuelle Ressourcenpool“ implementiert. Dieser ermöglicht über die Homepage www.geldlos.at nicht nur Gegenstände, sondern auch Dienstleistungen und Wissen geldlos zu vermitteln. Die Suche nach Räumlichkeiten für einen Kost-Nix-Laden läuft schon seit der Gründung. Im Rahmen vom Wiener Kongress, bei dem es um die Verteidigung und Aneignung von Freiräumen ging, sollte ein Raum im V.E.K.K.S. dafür temporär genutzt werden. Daraus entstand jedoch eine permanente Nutzung. Die Suche nach größeren Räumlichkeiten geht aber weiter.

Fixer Kost-Nix-Laden jeden Di, Do und Fr von 15h bis 20h im VEKKS (Zentagasse 26, 1050 Wien)

Weitere Infos:
http://www.umsonstladen.at/
http://www.geldlos.at/

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