Wenn einer einen Opernstier erlegt

10. Oktober 2005, 22:10
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Die tragische Oper "Lucia di Lammermoor" von Donizetti am Stadttheater Klagenfurt

Donizettis Lucia di Lammermoor - unter Dietmar Pflegerls Regie präsentiert sich die tragische Oper drängend, voll Emotionalität, ab dem 2. Akt als Thriller mit allen Ingredienzien des zeitgemäßen Musiktheaters, jedoch auch mit den genretypischen Absurditäten und Skurrilitäten: Welcher Maid läuft schon ausgerechnet beim stillen Gedenken am Friedhof ein wilder Stier über den Weg, den der spätere Lover erlegt?

Auch mysteriöse "Geistererscheinungen" mit blutrot gefärbten Bächlein dürften nur im hohen Schottland an der Tagesordnung sein! So verläuft die Handlung aus heutiger Sicht als typisch romantischer, vordergründig pathetischer Personenkonflikt, mit den obligatorischen Herz-Schmerz-Attributen bis hin zu Gemetzeln krisengeschüttelter, (selbst)mordender Akteure.

Die alles beherrschende Metamorphose der unglücklich liebenden zur im Wahnsinn meuchelnden Lucia vollzieht sich jedoch schlüssig. Auch die schicksalhaften Begegnungen der Akteure erfahren eine penible Deutung. Der konzentrierten Regie entspricht das düstere, einfache Bühnenbild Bernd-Dieter Müllers, der auf minimalistische Akzente und sparsame Lichteffekte setzt. Sonora Vaice glänzt als Lucia v.a. als wandlungsfähige Schauspielerin. Stilsicher bei den Koloraturen, begeistert sie im Lyrischen weniger.

Peter Danailovs abgebrühter Enrico offenbart ansprechende stimmliche Qualitäten. Die Entdeckung des Abends: Claude Pia (als Edgardo) ist ein ausgereifter lyrischer Tenor mit Balance zwischen Expressivität und Intimität. Abgerundet und ausgewogen der Bass Danilo Rigosas als Raimondo sowie Gabriela Vranceanu als Alisa. Guido Mancusi am Pult führt sein Orchester souverän, mitunter jedoch etwas derb. (bay/DER STANDARD, Printausgabe, 27.09.2005)

  • Artikelbild
    foto: stadttheater klagenfurt
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