Niederungen des Parteiengezänks

4. November 2005, 16:28
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Wie ernst die Lage für die vormals "dritte Kraft" in diesen Tagen ist, verrät das Angebot eines "Spezialseminars" ...

Wie ernst die Lage für die vormals dritte Kraft in diesen Tagen ist, verrät das Angebot eines Spezialseminars, mit dem die Freiheitliche Akademie ohne Zweifel näher an den Problemen ihrer Kunden ist, als es den Bildungswerken der anderen Parteien je gelingen kann: Erfolgreiches Arbeiten in Extremsituationen - Eigene Stärken erkennen. Vor allem letzteres scheint den Funktionären der einzig originalen Freiheitlichen schwer zu fallen. Klar, in Zeiten wie diesen, in denen Druck, Stress und Unausgeglichenheit immer mehr zunehmen, und die Gesundheit am meisten darunter leidet, ist es von Vorteil so früh wie möglich darauf zu reagieren.

Der Sinn für Ironie scheint bei blauen Bildungswerkern ausgeprägter als der für korrekte Beistrichsetzung, da das für den Oktober so dringend benötigte Spezialseminar erst im November stattfinden soll. Noch ist aber nicht alles verloren, hält doch die Ankündigung in der "Neuen Freien Zeitung" unentbehrliches geistiges Rüstzeug für den freiheitlichen Funktionär schon jetzt bereit: Schwierige Aufgaben verlangen nach einfachen Lösungen - Schwierigere Aufgaben verlangen nach noch einfacheren Lösungen - Wer in Extremsituationen den Fokus behält, entscheidet besser, schneller und erfolgreicher.

Fast zwanzig Jahre lang darauf konditioniert, dass in der Partei nur einer den Fokus behält, sind die Blauen nach der Kindesweglegung des Fokushalters noch immer auf der mühsamen Suche nach dem verlorenen Fokus. Und weil schwierige Aufgaben einfache, schwierigere Aufgaben einfachere und die im Oktober anfallenden schwierigsten Aufgaben die einfachsten Lösungen erfordern, hat Andreas Mölzer, eigene Stärken in Extremsituationen stilsicher ausspielend, nun in seinem Familienblatt "Zur Zeit" einen Brief an die lieben Gesinnungsfreunde in der Steiermark verfasst, um wenigstens sie bei der blauen Stange zu halten.

Einen zarten persönlichen Ton anschlagend, geht er dabei mutig auf die aktuellen Probleme des Bundeslandes ein. Die Steiermark und deren Landeshauptstadt Graz, mein Geburtsland und meine geliebte Studienstadt, haben seit der bürgerlichen Revolution von 1848 stets ein starkes nationalfreiheitliches deutschbewusstes und freisinniges Lager gehabt. Dieses Lager, repräsentiert nicht zuletzt durch die studentischen Korporationen, Burschenschaften, Corps, Sängerschaft und akademische Vereine, hat zwar stets Wert gelegt auf Weltanschauung und entsprechende Gesinnung, hat es aber immer vermieden, sich in die Niederungen des Parteiengezänks hinunter zu begeben, was Mölzers geliebter Studienstadt schon einmal das schmückende Beiwort "Stadt der Volkserhebung" einbrachte.

Dennoch hat diese Gesinnungsgemeinschaft in den letzten 50 Jahren mit der Freiheitlichen Partei eine zumindest nahestehende Vertretung im konkreten politischen Raum gehabt. Man kann die Niederungen des Parteiengezänks eben nicht immer vermeiden, vor allem, wenn man schon einmal mitten drin ist. Wie wir alle wissen, geht es jetzt bei den ins Haus stehenden Landtagswahlen schlicht und einfach um das Überleben der politischen Vertretung dieser unserer Gesinnungsgemeinschaft. Kurz darum, sich ein Plätzchen dort zu erhalten, wohinunter zu gelangen man angeblich immer vermieden hat - in den Niederungen des Parteiengezänks.

Das wird diesmal besonders schwer sein, muss sich die Gesinnungsgemeinschaft doch nicht nur mit Zänkern anderer Parteien herumschlagen, sondern wurde auch von politischen Karrieristen, die mit den Stimmen dieses Lagers in Mandate und höchste Ämter gelangten, schmählich verraten.

Jetzt schreien schwierige Aufgaben nach einfachen Lösungen: Nun gilt es, jede Beckmesserei und jede Besserwisserei hinanzustellen (sic), persönliche Animositäten zu vergessen, damit Gesinnungsfreunde auch künftig aus den Niederungen des Parteiengezänks in höchste Ämter gelangen können. Wie etwa ins Europäische Parlament, auf dessen Briefpapier Andreas Mölzer seinen Aufruf zur Rettung der FPÖ publiziert hat.

Unterstützt wurde er dabei in "Zur Zeit" vom Altgesinnungsfreund Otto Scrinzi, der scherzt, die Sozialpartnerschaft wäre eine Errungenschaft des Dritten Reiches, Coventry ist, wie überzeugend nachgewiesen (von wem?), ein getürkter Vorwand für englische Kriegsverbrechen, und augenzwinkernd fragt: Aus dem Regionalkonflikt wurde der Weltkrieg, aber doch wohl erst durch die englischen und französischen Kriegserklärungen? Und die gutgläubigen und/oder irregeführten Idealisten dieser Epoche des europäischen Faschismus . . . bestreiten bewiesene Verbrechen nicht - was kann Gudenus dafür, dass die Existenz von Gaskammern nicht bewiesen ist?

Gegen die orangen Verräter rät Scrinzi: Lassen wir uns von den Schalmeienklängen eines Rattenfängers nicht beeindrucken, welcher Freiheit jenseits von links und rechts verkündet. Dort ist neben einem Allerweltsliberalismus nur das Nichts zu Hause. Das BZÖ wird uns bald die Probe aufs Exempel liefern.

Hoffen Allerweltsrassisten. (DER STANDARD; Printausgabe, 27.9.2005)

Von Günter Traxler
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