Arme werden ärmer, Reiche reicher

7. November 2005, 19:56
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In Österreich geht die Einkommensschere immer weiter auf - Einer der Gründe dafür ist die starke Ausweitung der Teilzeitarbeit, von der insbesondere Frauen betroffen sind

Wien - In Österreich sind die Einkommen seit Jahren ungleich verteilt, und die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Zu diesem Ergebnis kommt das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) in einer Studie, die sich mit der Einkommenssituation der Österreicher beschäftigt.

Zurückzuführen sei die zunehmend ungleiche Verteilung der Einkommen auf die ungünstige Lage am Arbeitsmarkt, verbunden mit der Zunahme von Teilzeit- und geringfügiger Beschäftigung. Am unteren Ende der Einkommenspyramide seien vor allem Frauen und Jugendliche zu finden, sagte Markus Marterbauer, einer der Studienautoren, dem STANDARD.

Markante Unterschiede an den Rändern

Die zunehmende Ungleichverteilung der Einkommen zeige sich am deutlichsten an den "Rändern": Die Bezüge in der höchsten Einkommensgruppe (die obersten 20 Prozent) sind kräftig gestiegen und hatten 2003 einen Anteil von 46,1 Prozent an den gesamten unselbstständigen Einkommen. Anfang der Neunzigerjahre waren es erst 38,8 Prozent.

Die unteren Einkommensgruppen hingegen verdienten weniger, auf sie entfielen im Jahr 2003 nur noch 2,3 Prozent der Gesamteinkommen. Anfang der Neunzigerjahre waren es 7,4 Prozent gewesen.

"Die Zeiten, in denen die Einkommensschere stark zusammengegangen ist, liegen weit zurück", sagte Marterbauer. In den Siebzigerjahren habe es unter Bruno Kreisky so eine Phase gegeben, in der auch der Sozialstaat ausgebaut wurde.

Eine Phase, in der die Kluft zwischen Arm und Reich zumindest nicht größer geworden ist, habe es Anfang der Neunziger gegeben. "Die Gewerkschaften waren damals relativ stark und konnten kräftige Lohnerhöhungen bei guter Konjunktur durchdrücken", analysierte Marterbauer. Seither gehe die Schere weiter auseinander.

Frauen benachteiligt

Bei den Einkommen der Frauen sei auffällig, dass diese noch immer merklich hinter jenen der Männer zurückbleiben - und sogar noch weiter zurückfallen. 2003 lagen sie im Durchschnitt bei 67,2 Prozent der Männereinkommen, der Abstand war damit um etwa 1,5 Prozentpunkte größer als Mitte der Neunzigerjahre.

Während die Fraueneinkommen im öffentlichen Dienst relativ nahe an jene der Männer herankommen (80,9 Prozent), ist der Rückstand in der Privatwirtschaft umso größer. Die Einkommen der Arbeiterinnen liegen bei 61,7 Prozent von jenen der Männer, angestellte Frauen kommen auf nur 59,5 Prozent der Männereinkommen.

Teilzeit ist weiblich

Etwa die Hälfte des Einkommensrückstands der Frauen erkläre sich aus der geringeren Wochenarbeitszeit, heißt es in der Wifo-Studie. Während von den Frauen 37,1 Prozent in Teilzeit arbeiten, sind es bei den Männern nur 3,9 Prozent.

Und noch einen Umstand für die unterschiedliche Höhe zwischen Männer- und Fraueneinkommen führt Marterbauer an: "Die Einkommen in typischen Männerbranchen sind meist merklich höher als in Frauenbranchen." Lag das mittlere Einkommen in der Gesamtwirtschaft 2003 bei monatlich 1944 Euro brutto, war es in der Mineralölindustrie etwa doppelt so hoch, in der Elektrizitätswirtschaft gar um zwei Drittel höher.

Dafür bleiben Handel, Unterrichts- und Gesundheitswesen, aber auch Textil-, Bekleidungs- und Lederindustrie deutlich hinter dem Durchschnittseinkommen zurück. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.09.2005)

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    Sozialausgaben üben einen sehr starken Umverteilungseffekt aus, berichtet das Wifo.

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