27 Jahre Haft für mutmaßlichen Chef der Al-Kaida

6. November 2005, 19:03
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Imad Yarkas soll Anschläge des 11. September 2001 unterstützt haben - Staatsanwaltschaft forderte 74.000 Jahre

Der größte Prozess gegen Al-Kaida in Europa gegen 24 Angeklagte endete mit achtzehn Schuldsprüchen, wobei die Haftstrafen deutlich unter dem vom Staatsanwalt geforderten Ausmaß liegen. In einem eigens errichteten Hochsicherheitstrakt am Stadtrand Madrids wurde der mutmaßliche Kopf der spanischen Al-Kaida, der syrische Textilhändler Imad Eddin Barakat ("Abu Dahdah"), wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation und Verschwörung zu 27 Jahren Gefängnis verurteilt.

Barakat soll den Anführer des Selbstmordkommandos vom 11. September 2001, Mohamed Atta, bei dessen Spanienaufenthalt zwei Monate vor den Todesflügen mit Geld und Plänen versorgt haben. Die Anklage hatte Abu Dahdah für den Tod von 2379 Menschen verantwortlich gemacht und über 70.000 Jahre Haft gefordert. In dem 445 Seiten langen Urteilsspruch wird er zwar als Chef einer Terrorzelle und Komplize der Todespiloten eingestuft, nicht aber für die Folgen der Attentate verantwortlich gemacht. Die weiteren Verurteilten kamen mit Strafen zwischen sechs und elf Jahren Haft davon.

Im Mittelpunkt des Interesses stand der frühere Kabul-Korrespondent von Al-Jazeera. Der aus Syrien stammende Taisir Alluni wurde zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Al-Jazeera Chefredakteur Ahmed Al-Sheikh sprach von einem "schwarzen Tag" für die spanische Justiz, die "von internationalen Rechtsnormen abgewichen" sei.

Interview mit Osama Bin Laden

Der 50-jährige Alluni, der in Granada lebt und aufgrund eines Herzleidens Straferleichterung erwarten kann, hatte als Korrespondent in Kabul ein Exklusivinterview mit dem Terrorchef geführt. Ausführlich schilderte er vor Gericht die abenteuerliche Fahrt mit verbundenen Augen ins Hauptquartier Bin Ladens.

Ein Propagandavideo Bin Ladens mit der Ankündigung neuer Attentate, das ihm zugespielt wurde, habe er an seinen TV-Sender weitergeleitet, der es weltweit ausstrahlte. Daraus eine Zugehörigkeit zu Al-Kaida abzuleiten, bezeichnete der Journalist als grotesk: "In einem Medienbetrieb entscheidet nicht der Korrespondent, ob solche Botschaften auf Sendung gehen." Obwohl Alluni bestritt, die vom Hauptangeklagten Abu Dahdah gesammelten Geldbeträge im Reportergepäck nach Afghanistan geschmuggelt zu haben, wurde er als Helfer und Komplize schuldig gesprochen.

Perplex zeigte sich der Angeklagte Gasoub Al Abrash bei der Einvernahme: Ein Urlaubsvideo aus New York mit Aufnahmen der Zwillingstürme des World Trade Center, das er an einen Bekannten weitergegeben hatte, wurde als Hinweis auf seine Beteiligung an den Vorbereitungen für Attentate vom 11. September gewertet. Al Abrash betonte, Gewalt abzulehnen und vom "Heiligen Krieg" nur in den Nachrichten gehört zu haben. Die Richter schenkten seinen Argumenten Gehör und sprachen ihn und fünf weitere Angeklagte frei. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.9.2005) ----- Artikel paßt -----

Josef Manola aus Madrid
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