Friedensdividende aus Metall

31. Oktober 2005, 15:00
19 Postings

Mit 3,1 Prozent Lohn­abschluss demonstrieren die Sozialpartner Unabhängigkeit - Kommentar von Luise Ungerboeck

Wenn sich Herr und Frau Österreicher ins Wochenende verabschieden und es Nacht wird auf der Wiedner Hauptstraße, dann geht es bei den im Herbst in der Wirtschaftskammer versammelten Verhandlern der Metallerlohnrunde erst so richtig los.

Das alljährlich servierte Krautfleisch darf dabei durchaus als Sinnbild gelten: Das Kraut ist saisonbedingt billig, die Knödel füllen den Bauch, und vom würzigen Fleisch gibt es immer zu wenig. Um dieses wird dann gestritten, wenn es sein muss bis weit nach Mitternacht.

Dass Metallgewerkschaftschef Rudolf Nürnberger und Arbeitgeber-Chefverhandler, Leitz-Chef Hermann Haslauer, trotz lahmer Konjunktur in Europa, extrem unsicherer Prognosen für 2006 und ständig steigender Energiepreise heuer dennoch einen Blitzabschluss schafften, bei dem sogar ein Dreier vor dem Komma steht, hat mehrere Gründe:

Es schreiben mehr Betriebe Gewinne als in der Vergangenheit, und zwar durch die Bank höhere. Dank anhaltenden Stahlbooms haben Böhler- Uddeholm, Voestalpine und Co auch heuer Rekordergebnisse in Aussicht gestellt, und für eine deutliche Abschwächung im nächsten Jahr gibt es (noch) keine Anzeichen.

Als Turbo für einen schnellen Abschluss wirkte zweifellos auch die neue Konjunkturprognose, die von den Wirtschaftsforschern in Wifo und IHS gerade errechnet und kommenden Freitag präsentiert wird. Sie dürfte eine Anhebung der Inflationsprognose für 2006 bringen, denn die vorausgesagten 1,9 Prozent sind nicht mehr zu halten. Eine auf 2,2 oder 2,3 Prozent erhöhte Teuerungsrate hätte den Druck auf die Metaller gesteigert und den Spielraum für beide Seiten gesenkt.

Denn als Ausgangsbasis für den Abschluss gilt traditionell ein Mix aus Inflationsabgeltung und Produktivitätsfortschritt (auf Basis des Bruttoinlandsprodukts - BIP real je Erwerbstätigen), von dem unterjährige Rohstoffpreiserhöhungen, die den Kunden nicht verrechnet werden können, abgezogen werden. Da Produktivitätswachstum plus Inflation für 2006 schon jetzt auf 3,8 Prozent errechnet werden, wollten sich Nürnberger & Co auf die neue Prognose offensichtlich gar nicht einlassen.

Verstärkt wurde das Interesse an einem Blitzabschluss außerdem durch das neue Entgeltschema, auf das sich die Kollektivvertragsverhandler zwecks Angleichung von Arbeitern und Angestellten bereits im Vorjahr verständigt haben.

Dieses neue System entschärft das Senioritätsprinzip insofern, als sich die Einkommen älterer Arbeitnehmer nicht mehr ganz so dramatisch verteuern, weil einige automatische Vorrückungen (Biennien) gestrichen wurden. Je früher diese neuen KV-Tabellen nun fertig sind, desto schneller geht die Umstellung in der Lohnverrechnung.

Last, but not least demonstriert der Metallerabschluss - und das ist wohl das politisch wichtigste Zeichen - eine starke Sozialpartnerschaft. Eine, die sich weder vom Wirtschaftsminister noch vom Industriepräsidenten etwas dreinreden lässt. Kämmerer und Gewerkschafter haben die Arbeitszeitdebatte ausgeklammert und den Ball kaltschnäuzig an Martin Bartenstein zurückgespielt. Arbeitszeit sei ausschließlich Angelegenheit des Gesetzgebers und habe mit der Lohnrunde nichts zu tun, so der Tenor.

Vor diesem Hintergrund ist es keine Übertreibung zu behaupten, den Unternehmern in der Metallindustrie sei der soziale Friede mehr wert als der Wenderegierung. Sie lassen sich mit den 3,1 Prozent nicht nur einen Teil ihrer Gewinne abkaufen, sondern schütten auch noch eine Art Friedensdividende aus, die Bruttoreallohnsteigerungen zulässt.

Das wiederum sollte die Kaufkraft stärken und den privaten Konsum ankurbeln. Was der lahmenden Konjunktur (hoffentlich) mehr bringt, als dies niedrige Lohnrunden könnten.

Freilich, nicht alle Betriebe profitieren vom Stahlboom wie die Metallindustrie, und der Druck zu Rationalisierung und Produktionsverlagerung in den Osten steigt. Aber das kann in Wirklichkeit auch durch Nulllohnrunden nicht verhindert werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.09.2005)

  • Sozialpartner unter sich: Metaller-Gewerkschafter Rudolf Nuernberger und Hermann Haslauer von der Arbeitgeberseite.

    Sozialpartner unter sich: Metaller-Gewerkschafter Rudolf Nuernberger und Hermann Haslauer von der Arbeitgeberseite.

Share if you care.