Gott ohne Liebe

von Redaktion  |  24. September 2005, 10:00
  • Artikelbild

Das Böse als Ersatzreligion: Ein enthüllender Blick auf Stalin

Es ist eine Schlüsselpassage, vielleicht die Schlüsselpassage zum Verständnis Stalins und des von ihm zwar nicht geschaffenen, aber perfektionierten Systems des permanenten Terrors. 1937, auf dem Höhepunkt des von Stalin ausgelösten Gemetzels in den eigenen Reihen der Bolschewiken, sagt Geheimdienstchef Genrich Jagoda im Verhör: "Sie können in Ihrem Bericht an Jeschow (seinen späteren Nachfolger, Red.) hinzufügen, ich hätte gesagt, es müsse doch einen Gott geben." Auf die verwirrte Rückfrage seines Gegenübers, so der Bericht, habe Jagoda "halb im Ernst und halb im Scherz" gesagt: "Das ist ganz einfach. Von Stalin hätte ich für meine treuen Dienste nur Dankbarkeit verdient, von Gott aber verdiente ich die schwerste Strafe, dass ich seine Gebote unzählige Male verletzt habe. Nun schauen Sie, wo ich bin, und urteilen Sie selbst: Gibt es einen Gott oder nicht?" Jagoda wurde kurze Zeit später nach einem Schauprozess hingerichtet.

Der Gott in diesem System war der einstige georgische Priesterseminarist Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, der sich Stalin nannte. Er entschied über Leben und Tod, Vergebung oder Vernichtung, er war wankelmütig, unberechenbar, heimtückisch, rachsüchtig, unendlich misstrauisch. Und virtuos darin, vermeintliche oder tatsächliche Widersacher gegeneinander auszuspielen. Er konnte äußerst charmant sein - und gleichzeitig mit größter Kaltblütigkeit den Tod Tausender befehlen. Und: Er sehnte sich nach Liebe, die zu geben er selbst unfähig war - unfähig geworden war, muss man vermutlich hinzufügen.

Nach dem Begräbnis seiner ersten Frau Ekaterina, genannt Kato, die 1907 an Tuberkulose starb, sagte Stalin zu einem einstigen Genossen: "Sosso, dieses Geschöpf hat mein steinernes Herz erweichen können. Nun ist sie tot, und mit ihr sind meine letzten warmen Gefühle für die Menschen gestorben."

Wenn noch eine Chance bestanden hatte, Stalins Wandlung zum monströsen Massenmörder zu verhindern, dann war sie 25 Jahre später wohl endgültig dahin. In den frühen Morgenstunden des 9. November 1932, nach dem Festessen der Parteigranden zum 15. Jahrestag der bolschewistischen Revolution, erschoss sich Stalins zweite Frau, die um 22 Jahre jüngere Nadja Allilujewa, in der gemeinsamen Kremlwohnung. Nach Angaben der Tochter Swetlana hatte sie ihrem Mann "einen furchtbaren Brief" hinterlassen.

"Sie hat mich zum Krüppel gemacht", sagte Stalin, nachdem sein Hofstaat, gelähmt vor Angst, ihm den Tod Nadjas mitzuteilen gewagt hatte. Er kündigte seinen Rücktritt an und äußerte seinerseits Selbstmordabsichten. Aber das war im Moment überbordenden Selbstmitleids - wiederum Ausdruck mangelnder Liebesfähigkeit. Und daher kam es anders. Dem folgenden Terror sollten auch einige der Anwesenden dieses Abends zum Opfer fallen. Unter ihnen Nadjas Bruder Pawel Allilujew, der seiner Schwester aus Berlin als Geschenk die kleine Mauser-Pistole mitgebracht hatte, mit der sie sich dann erschoss. Das hatte ihm Stalin in seiner charakteristischen, die Schuld immer bei anderen suchenden Rachsucht nie vergessen.

1 | 2 weiter 
Simon Sebag Montefiore: "Stalin. Am Hof des roten Zaren", € 25,60/874 Seiten. Zahlreiche Fotos. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2005.
druckenweitersagen:
posten
5 Postings
anatoly
27.09.2005 13:31

Herrscher haben sich schon seit langer, langer Zeit als Gottheiten gesehen, gebärdet und ausgerufen. Das ist nichts Stalin spezifisches. Schauen wir in das alte Ägypten, das alte Rom, etc. etc.
Der Tod, das Nichts, das Nichtsein (die vollkommene Sinnlosigkeit der Existenz und von allen Erfahrungen, die man im Leben macht, die mit dem Tod einfach weggewischt werden) ist so ein unerträglicher Gedanke, dass sich die Menschen seit jeher allerlei Hirngespinste ("Religionen") zurechtgelegt haben, die den Tod mildern sollen.
Die (z.B.) Gottheit des Christentums (auch Judentums und Islam) ist nicht anders als Stalin: Himmel oder Hölle zugeteilt aus willkürlichen Gründen. Alle Götter sind Projektionen und deshalb nicht anders als wir Menschen.

Mamonas
27.09.2005 17:19

"ist so ein unerträglicher Gedanke"

Offenbar beruht dies auf totale Gegenseitigkeit ;-)

Heinz Kaiser 
27.09.2005 11:50
Die unterschwellige Botschaft des Artikels

daß nämlich Religiosität etwas moralisch Wertvolles und Nicht-Religiosität etwas Verachtenswertes sei, stößt mir aber doch sehr unangenehm auf.

Stalin war ein brutaler, menschenverachtender Atheist.

Es gibt in der Geschichte aber auch eine Menge schrecklicher Beispiele von brutalen, menschenverachtenden religiösen Überzeugungstätern.

Mamonas
26.09.2005 18:21

"Er sehnte sich nach Liebe, die zu geben er selbst unfähig war "

Alexithym, wie so viele Mörder und Größenwahnsinnige.

Ali Ovissi   
24.09.2005 22:01
Detail am Rande

Für med. Interessierte ein Detail am Rande über
Vladimir Mikhailovich Bekhterev(Namensgeber v.M. Bechterev= Spondylitis ankylosans)

Bekhterev, for the latter was the undisputed psychoneurological authority in the Soviet state and he had also rendered the Revolution "exceptional services." In 1923, the ailing Lenin had twice sent for him.It is unclear, as perhaps it will always remain, what then ensued. Persistent rumours in the Soviet Union have it that Bekhterev diagnosed Stalin as suffering from "grave paranoia." The same day he had visited the Kremlin he suddenly died (some authors say a couple of days later). According to the rumours, Stalin had him murdered, this being the patient's revenge for the diagnosis.
(www.whonamedit.com)

Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.