Auf dem Tandem Löwe und Adler

23. Dezember 2005, 13:22
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Der neue bayrisch-tirolerische Radwanderweg bietet Vielfalt und verlangt nur wenig Schweiß

Auf der Autobahn vom Tiroler Inntal nach München kann sich ein Autofahrer dank der vielen Schilder kaum verirren. Etwas schwieriger hat es der, der den landschaftlich viel reizvolleren Weg über den Achensee sucht. Und wer die gleiche Route mit dem Fahrrad fährt, wird es kaum vermeiden können, einmal vom rechten Weg abzukommen.

Das liegt nicht daran, dass der vor einem Jahr vollendete "Via Bavarica Tyrolensis" nicht gut gekennzeichnet wäre. Aber die Schilder, auf denen der bayrische Löwe und der Tiroler Adler gemeinsam auf dem Rad sitzen (in Tirol lenkt immer der Adler, in Bayern jedoch der Löwe), sind so hübsch, dass sie allzu gerne geklaut werden. Und dort, wo sie noch stehen, werden ihre zarten Farben bei grellem Sonnenlicht leicht übersehen.

Sportliche Familien

Doch gelegentliche Irrwege auf der Strecke sollten niemanden von einer mehrtägigen Fahrradtour auf dem insgesamt 225 Kilometer langen Radwanderweg abhalten. Er bietet eine großartige Mischung von Stadt, Hügelland und Alpentälern, führt über eine Grenze und bietet sich vor allem für sportliche Familienradler an.

An sich startet der Weg im Stadtzentrum von München. Wir fuhren allerdings etwas weiter südlich los, in der oberbayerischen Kleinstadt Holzkirchen, die gerade Wien das Sandoz-Hauptquartier weggeschnappt hat. Über Nebenstraßen und Feldwege, vom Straßenverkehr nur selten belästigt, ging es auf sanften Steigungen durch das Alpenvorland zum Tegernsee, an dessen Ufer sich Hotels, radlerfreundliche Pensionen, Kurbäder, und Wochenendhäuser wohlhabender Münchner drängen. Dort, in Rottach-Egern, ist auch Franz Zehendmaier zu Hause, ein bayrisches Original mit Lederhose, Hut und Rauschebart, der nicht nur Räder verleiht, sondern auch seine eigenen Roller mit sensorengesteuerten Bremsen konstruiert - und Radlern gerne zu Hilfe kommt.

Nun nahmen die Steigungen zu, und spätestens beim Anstieg zum Achenpass (950 Meter Seehöhe) gerieten wir ins Schwitzen. Hier, am dank Schengen unbesetzten Grenzhäuschen zu Österreich, endet der Rundweg; die Strecke durch Tirol kann nur hin- und zurückgefahren werden. Sie zahlt sich aus, denn der lang gezogene Achensee bietet an seinem Ostufer einen angenehmen Asphalt-Radweg und ein prachtvolles Panorama auf das Karwendelgebirge.

Die Abfahrt von Eben am Achensee nach Wiesing im Inntal, dem Endpunkt der Via Bavarica Tyrolensis, ist allerdings Geschmackssache: Auf einer kurvigen Schotterstraße geht's in nur acht Kilometern 400 Höhenmeter runter. Für den Weg zurück bietet sich für alle, die nicht Lance Armstrong nacheifern wollen, ein besonderes Zuckerl an: Die Achenseebahn, eine mit Dampf betriebene Zahnradbahn aus dem 19. Jahrhundert, transportiert freundlicherweise auch Fahrräder - für insgesamt 23 Euro.

Hinterm Achensee, als wir auf bayerischer Seite den Rundweg gen Bad Tölz einschlugen, war es mit der Beschaulichkeit vorbei: Der wunderbar einsame Waldradweg rund um den Sylvensteiner-Stausee nach Fall entpuppte sich als ständige Berg-und Talfahrt. Dafür ging es dann entlang der Isar bis Bad Tölz nur bergab. Von der Stadt des "Bullen" führt ein Zug zurück zu unserem Ausgangspunkt nach Holzkirchen. Wer weiter nach München radeln will, hat noch 50 Kilometer Familienradwege durch den Malerwinkel, die Pupplinger Au und das Mühltal vor sich. (Der Standard, Printausgabe 24./25.9.2005)

Von Eric Frey

Info

Via Bavarica Tyrolensis
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    via-bavarica-tyrolensis.com
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