Weltmeisterschaften mit Seeblick

24. Oktober 2005, 13:23
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Finnland ist Spezialist für eine besonders ausgefeilte Spaßkultur und freut sich daher auch über Gäste, die mit Dingen um sich werfen

Eigentlich dürfte ein europäisches Land, das zu drei Vierteln aus Seen und Wald besteht, davon ausgehen, vor allem Naturliebhaber anzuziehen. Finnland hat sich allerdings damit abgefunden, Spezialist für besonders ausgefeilte Spaßkultur zu sein und freut sich daher auch über Gäste, die mit Dingen um sich werfen.




Nach ungefähr einer Stunde fröhlichen Blätterns war die Buchhändlerin dann um eine Erkenntnis reicher: "I always knew that we are funny", sagte die junge Frau, die da den verregneten Sonntagmittag in der "Akademischen Buchhandlung" im Herzen von Helsinki damit verbracht hatte, Seite für Seite - geschüttelt von Kicheranfällen - zu übersetzen, "but I had no idea that we are actually that funny."

Sinngemäß heißt das Buch angeblich "Seltsame Freizeitgewohnheiten der Finnen" - und weil drinnen ist, was draußen steht, listet der Autor darin nicht nur Wettbewerbe und Meisterschaften auf, von denen man zumindest schon gehört hat - Luftgitarre-, Handyweitwurf-, Schlammfußball-, Gummistiefelweitwurf-, oder Saunadauersitzwettbewerbe etwa -, sondern ergänzt diese Liste noch um Bewerbe, die selbst Finnen staunen machen: Ameisenhaufensitzen etwa. Oder Gelsenerschlagen. Oder Schemelwerfen. Oder Tischtrommeln. Oder Beerenpflücken (im Team). Oder ... Und so weiter.

"Well, if it is dark and cold, some people have funny ideas", versuchte sich die Buchhändlerin in einer Erklärung - aber im Grunde, meinte sie, sei die Frage nach dem "Warum" vermutlich ohnehin nicht so wichtig. Freilich: So richtig glücklich ist man aber weder in der Akademischen Buchhandlung noch im finnischen Tourismusverband damit, dass das Land zwischen den 187.888 Seen (in denen sich 179.584 Inseln befinden), gerne auf Sauna, Nokia und "komische Gebräuche" reduziert wird - wir Österreicher heißt es da, würden uns schließlich auch bedanken, wenn uns alle Welt ausschließlich mit "Sound of Music", Sachertorte, Lipizzaner und Jodeldodelei assoziierte. (Und auf den Hinweis, dass genau das oft der Fall sei, kommt ein höflich-bedauerndes "Oh, this must be hard.")

Wald- und Wildwechsel

Aber die Sache mit den Seen ist tatsächlich ein guter Punkt. Schließlich nehmen diese zehn Prozent der Fläche des Landes ein - und daraus, dass weitere zwei Drittel Finnlands von Wäldern bewachsen sind, lässt sich schon ein wirklich guter Grund ablesen, das Land zu bereisen. Denn mitunter entfalten die schier endlosen Überlandfahrten durch die finnischen Wälder - etwa in das tatsächlich mitten im Wald gelegene faszinierende Wald- und Forstmuseum von Lusto - geradezu meditative Wirkung: Malerisch und abgelegen, menschenleer und wunderschön ziehen Wasser und Bäume in endloser Abfolge am Wagenfenster vorbei. Hin und wieder von - natürlich rot gestrichenen - Häuschen am Ufer gesäumt.

Eile und Hast, lernt der Autofahrer hier, sind sinnlos: Zum einen, weil es ziemlich egal ist, ob man sechs oder sechseinhalb Stunden durch den Wald fährt. Zum anderen, wegen der Elche: "Wenn du den neben der Straße siehst, ist er eigentlich schon vor dir", warnt der Mann an der Tankstelle - und setzt nach, dass dieses Match zwar meistens mit dem Tod des Tieres ende, aber für Auto und Insassen selten so glimpflich verlaufe wie der klassische zentraleuropäische Rotwildunfall: In Schweden begleitet man angeblich ganze Landstraßen und Autobahnen mit Fangzäunen - in Finnland nicht. Beim Nichtrasen ist so zumindest der Blick auf die Landschaft nicht verstellt.

Freilich: Auch wenn Finnland mit seinen 15 Menschen pro Quadratkilometer eher dünn besiedelt ist (zum Vergleich: In Österreich sind es 262), ist der Weg zur nächsten Siedlung nie wirklich endlos - doch der Liebreiz der größeren Ansiedlungen ist oft enden wollend: Finnlands Stadt- und Regionalplaner haben in den späten Jahrzehnten des letzten Jahrtausends (höflich formuliert) meist eher rational denn ästhetisch gedacht und geplant - aber inmitten der alten Orts- und Stadtkerne finden sich meist dennoch noch kleine, aus Holz gebaute typische Häuser. Mitunter ja auch Kirchen: Jene von Kerimäki etwa - und das 1847 fertig gestellte Gotteshaus mit einer Raumhöhe von 27 Metern fasst nicht nur mehr als 3000 Gläubige, es ist auch das größte seiner Art. Weltweit.

Luftorchester

Und Burgen - etwa jene von Savonlinna - erzählen nicht bloß Geschichten über die wechselvolle Geschichte des Landes, das sich bis ins frühe 20. Jahrhundert immer in der Klammer zwischen schwedischen und russischen Machtansprüchen befand: Die Burg ist auch Spielstatt des traditionsreichen, allsommerlichen Opernfestivals (heuer standen Aida, Turandot, Hoffmanns Erzählungen und Der Reitersmann des finnischen Komponisten Aulis Sallinen auf dem (Freiluft-)Programm - und davor, im Juni, fungiert die Burg als Kulisse eines Ballettfestivals.

Aber, seufzt etwa Christine Lund, die "Erfinderin" des Handyweitwurfwettbewerbes, kaum einer der Journalisten, die mittlerweile aus halb Europa zu ihrem Jux-Event in Blickweite der mächtigen Burg kommen, wisse davon - oder interessiere sich dafür.

Genauso wie - etliche hundert Kilometer weiter nördlich - in Oulu: Dass in der sechstgrößten Stadt Finnlands (die bis zur vorletzten Jahrhundertwende, als die Dampfschifffahrt dem kommerziellen Segelschiffverkehr den Garaus machte, der größte Teerhafen der Welt war) jährlich ein tatsächlich innovatives und interessantes Musikvideofestival stattfindet, ist Besuchern von außerhalb in der Regel höchstens ein Schulterzucken und Journalisten eine Randnotiz wert. Aber was die Welt tatsächlich (von einem größerem Medienaufgebot) über Oulu erfährt, ist eben typisch finnisch: Hier wird Luftgitarre gespielt.

PS: Außerdem gibt es hier jährlich abgehaltene Meisterschaften im Kreuzworträtsellösen, Nägeleinschlagen und Kartoffelschälen - aber das ist eine andere Geschichte.

Von Thomas Rottenberg

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  • Schon ein Klassiker, die Handy-Weitwurf-WM
    thomas rottenberg

    Schon ein Klassiker, die Handy-Weitwurf-WM

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