Schaff dir ein wärmeres Herz

10. Oktober 2005, 11:41
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Peter Winterhoff-Spurk fordert, dem "heimlichen Erzieher" Fernsehen etwas entgegenzusetzen

Zur Erinnerung: "Wir amüsieren uns zu Tode", ein Klassiker der Medienanalyse, erschien vor 20 Jahren. Ein Jahr nach dem ominösen Jahr 1984. Neil Postman beschrieb damals, weshalb uns weniger die düstere Vision George Orwells bedroht als vielmehr die beklemmende von Aldous Huxley. Orwell fürchtete bekanntlich jene, die den Bürgern Informationen vorenthalten, ihnen Wahrheit verheimlichen würden. Huxley jene, die uns mit Informationen so überhäufen würden, "dass die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte".

Mittlerweile hat die Erde sich ein paar Mal gedreht. Der Ostblock - ein System, das Orwell bestätigt hätte - ist verblüffend schnell verschwunden. Die Anzahl der Fernsehkanäle - auf denen überwiegend Programme laufen, die Huxley Recht geben - ist unüberschaubar groß geworden. Und zusätzlich ist das damals fast unbekannte Medium Internet aufgetaucht. Das vorzüglich dazu geeignet wäre, mehr Transparenz zu schaffen. Und vorwiegend zur anonymen Versorgung mit Pornofilmen benutzt wird.

Bei aller gebotenen Vorsicht kann man anno 2005 sagen: Postmans Prognose aus dem Jahr 1985 war vielleicht etwas einseitig (Orwell kann wohl erst am Ende der Geschichte endgültig ad acta gelegt werden, und Fukuyama war mit Sicherheit zu voreilig), aber sie war profund.

Die Warnung, dass das Fernsehen unsere Birnen weicher macht, ist also nicht neu. (Und sehr wahrscheinlich auch nicht falsch: Eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen überdurchschnittlichem Fernsehkonsum und unterdurchschnittlichem IQ bei Kindern zeigt, ging zum Beispiel heuer durch die Medien.)

"Kalte Herzen"

Aber werden auch unsere Herzen unter dem Einfluss des Fernsehens kälter? Ja. Zumindest dann, wenn das Fernsehen in unheiliger Allianz mit dem Kapitalismus auftritt. So lautet die zentrale These des deutschen Psychologen und Medienforschers Peter Winterhoff-Spurk. Sein Buch "Kalte Herzen - Wie das Fernsehen unseren Charakter formt" ist heuer bei Klett-Cotta erschienen. In den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt er den Histrio. Und die Rolle, die das Fernsehen bei der Ausformung und Stabilisierung dieses Sozialcharakters spielt. Histrios sind geborene Schauspieler. Sie können Gefühle vorspielen, instrumentalisieren und verkaufen. Sind also ideale Dienstnehmer in der wachsenden Dienstleistungsgesellschaft. Wo so viel grelles Licht ist, da gibt es aber auch viel harten Schatten. Histrionische Charaktere gedeihen in familiären Kontexten, die durch Bindungsunsicherheit, mangelnde mütterliche Zuneigung, geringe Impulskontrolle, ausweichendes Verhalten und theatralische Inszenierungen gekennzeichnet sind. Im Endeffekt sind Histrios Persönlichkeiten mit einer chronischen Schwäche des Selbst. Sie behelfen sich aus dieser Not, indem sie sich mit anderen Personen identifizieren. Und genau das kann das Patschenkino bieten. Es ist voll von nahezu beliebig verfügbaren Bezugspersonen. Orale Regression nennen Psychologen den Zustand, in dem man von diesen parasozialen Beziehungen am meisten profitiert.

3,5 Stunden sehen Erwachsene im Schnitt deshalb täglich fern, Tendenz steigend. Das sind, die Zeit fürs Schlafen abgerechnet, rund 13 Jahre des Lebens. Was angenehm erlebt wird, hat natürlich einen Pferdefuß: Wenn man Fernsehen regressiv nutzt, ändert es nicht nur das Fühlen, sondern prägt auch das Denken und Handeln. Sind davon alle Bevölkerungsgruppen und Bildungsschichten betroffen? Oder nur Angehörige der Unterschicht? Der Befund ist nicht eindeutig, gibt aber zur Sorge Anlass: Einerseits gibt es unter dem Stichwort Wissenskluft-Hypothese Forschungsergebnisse, nach denen höher Gebildete beim Fernsehen Wissensgewinne erzielen können, während bildungsmäßig Benachteiligten dies weit weniger gut gelingt. Andererseits besagt der Third-person-effect, dass Zuschauer zwar um die problematischen Wirkungen des Mediums wissen, sich selbst aber für unbeeinflussbar halten. Und diese ungerechtfertigte Selbstsicherheit ist bei höher Gebildeten besonders ausgeprägt. Ein Beispiel: Bei Frauen gibt es einen systematischen Zusammenhang zwischen Programmauswahl und Menstruationszyklus. Zu Beginn und am Ende werden humoristische Sendungen, in der Mitte des Zyklus aber Dramen bevorzugt. Seien wir einmal ehrlich: Wer hätte das gewusst?

Gesellschaftliche Entwicklungen

Winterhoff-Spurk zeigt neben den subtilen Wirkmechanismen und den wenig subtilen Erscheinungsformen des Fernsehens auch die damit verbundenen gesellschaftlichen Entwicklungen auf: Familiengründungen werden aufgeschoben; Kinderwünsche nicht realisiert; Trennungs- und Scheidungsquoten erhöhen sich; Hilfsleistungen zwischen den Generationen verringern sich; psychosoziale Störungen nehmen zu; Gesundheitsprobleme und Erwerbsunfähigkeit stellen sich immer früher ein. Ältere Arbeitnehmer empfinden sich immer mehr als bloße Kostenfaktoren, und jüngere - Stichwort Ich-AG - haben von sich aus ein kühleres Verhältnis zu ihrem Arbeitgeber. Resultat ist eine begrenzte Loyalität zum Arbeitgeber, die zunehmend auch zu kontraproduktivem Verhalten, ja bis hin zu Sabotage führt. Je mehr Unterhaltung genutzt wird, aber auch je unterhaltsamer die Politik präsentiert wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit der Abkehr von ihr.

Das alles kann auf lange Sicht weder der Gesellschaft noch dem Einzelnen gut tun. Was kann man, wenn man Bindungsunsicherheit und Medialisierung dafür mitverantwortlich macht, dagegen unternehmen? Winterhoff-Spurk gibt unpopuläre Antworten: Singles sollten heiraten. Eine Ehe zu erhalten sei schwierig, räumt er ein, aber es gibt Mechanismen, die Belastungen in erträglichem Rahmen zu halten. Und die lassen sich - mit professioneller Hilfe - auch erlernen. Eltern sollten ihre Kinder sorgfältiger erziehen. Seit den 60er-Jahren hat sich die Zeit, die Eltern mit ihren Kindern verbringen, wöchentlich um rund zwölf Stunden verringert. Dem sollte auf Kosten des TV-Konsums entgegengesteuert werden. Und Arbeitgeber sollten in vertrauensbildende Maßnahmen investieren: in hohe Arbeitsplatzsicherheit und Löhne, gute Informationspolitik und systematische Weiterbildung.

Diese Tipps klingen altmodisch. Aber die Empfehlungen, die Wilhelm Hauff 1828 seinem Märchenheld Peter Munk gab, sind zeitlos: "Lass dich nicht von Glanz und Profit blenden. Schaff dir ein wärmeres Herz." Und sie sind einem lesenswerten Buch vorangestellt. (Peter Jungwirth/DER STANDARD/ALBUM, Printausgabe, 24./25.9.2005)

Zur Person

Peter Jungwirth ist freier Journalist in Wien.

Peter Winterhoff-Spurk, Kalte Herzen - Wie das Fernsehen unseren Charakter formt. € 20,10/271 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2005.

  • Die Zeiten des Testbildes sind längst vorbei. Wer will, kann sich 24 Stunden
lang vom TV berieseln lassen. Peter Winterhoff-Spurk, Professor für Psychologie
an der Universität Saarbrücken, geht nun der Frage nach, wie das Fernsehen unseren Charakter formt.
    foto: orf

    Die Zeiten des Testbildes sind längst vorbei. Wer will, kann sich 24 Stunden lang vom TV berieseln lassen. Peter Winterhoff-Spurk, Professor für Psychologie an der Universität Saarbrücken, geht nun der Frage nach, wie das Fernsehen unseren Charakter formt.

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