Keuscher Rafreider

12. Oktober 2005, 14:40
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Montags zu später Abendstunde taucht der spirituell verschlossene Blick auf

Erinnern Sie sich noch an die Zeit der sexuellen Aufklärung? Uns hat es (unter anderem) in der Schule erwischt. Ich habe ihn noch vor mir, den streng katholischen Internatsleiter, wie er uns Bedeutendes zu sagen hatte, wie er noch einmal das Kreuz an der Wand beschwor und Gott um Beistand bat, wie er vor uns hintrat und sprach: "Entspannt euch, legt alle Dinge aus der Hand! Es geht um etwas ganz Natürliches (...)" Dazu senkten sich seine schweren Lider und stülpten sich, geleitet von tiefer Andacht, über die Pupillen. - Keuscher konnte man die Augen vor der Wahrheit der Triebe nicht verschließen.

Mehr als 30 Jahre mussten vergehen, da taucht er plötzlich wieder auf, exakt der gleiche spirituell verschlossene Blick - und zwar montags, verlässlich, zu später Abendstunde: Roman "Dornenvogel" Rafreider, der Wimpernspielkaiser vom Küniglberg, präsentiert "Thema". Wenn ihm das Grauen in den angesagten Reportagen zu viel wird, schließt er die Augen, öffnet sie (um zu sehen, ob es noch da ist), schließt sie, und so weiter.

Egal, welche Worte er dazu wählt: Instinktiv versuche ich mich zu entspannen, lege imaginär alle Dinge aus der Hand und fühle mich zum hundertsten Male aufgeklärt. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.9.2005)

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    foto: orf
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