Alt, berühmt, ein wenig sonderbar

Redaktion
6. Oktober 2005, 17:04
  • Daniel KehlmannDie Vermessung der Welt. € 20,50/ 303 Seiten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2005.
    buchcover: rowohlt

    Daniel Kehlmann
    Die Vermessung der Welt.
    € 20,50/ 303 Seiten.
    Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2005.

Daniel Kehlmanns schillernder Roman um zwei historische Geistesgrößen.

Darf denn das sein? Darf ein Autor zwei historische Geistesgrößen in einen Roman packen und dabei flunkern, was das Zeug hält? Doch, einer, der so schreiben kann wie Daniel Kehlmann, so intelligent unterhaltend, befreiend und bedrückend komisch, mit solch lakonischer Gelehrsamkeit und fein dosierter Clownerie – der darf auch das. Seit Jahren verblüfft Kehlmann mit seinem geringen Alter und mit gewichtigen Büchern. Der neue Roman Die Vermessung der Welt ist sein sechster Band (der siebente, eine Sammlung von Essays zur Literatur, erscheint demnächst), und der Autor ist gerade 30 Jahre alt, also "wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen" (Ingeborg Bachmann) und viel von ihm zu erwarten.

Daniel Kehlmann spannt gerne die Wissenschaft und die Kunst zusammen, verschmäht es dabei nicht, sich Details aus dem Leben großer Männer zu borgen. In seinem Roman Mahlers Zeit (1999) schlug sich noch ein fiktiver, genialer Physiker mit dem Problem der Zeit herum. In Ich und Kaminski (2003) trug der erfundene Maler Kaminski deutlich einige Züge des realen alten Balthus. In Die Vermessung der Welt bemächtigt sich Kehlmann nun zweier Berühmtheiten samt Vor- und Zunamen, Lebenslauf und wissenschaftlichem Curriculum. Er verbiegt nur ein bisschen die zeitlichen Koordinaten, dichtet manches hinzu, ein paar Fakten und viele menschliche Grillen der beiden Herren: Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß, der Naturforscher und der Mathematiker, sie wandeln im geistigen Kleid ihrer Epoche, begleitet werden sie jedoch vom flinken Humor eines sehr heutigen Autors.

Den Schulmeistern, den Hütern von Tradition, Kanon und Gattung wird Die Vermessung der Welt mehrfach suspekt sein. Es ist keine Gelehrtenbiografie, und der geschichtliche Rahmen wackelt bedenklich – als wäre es das Werk eines "verrückten Historikers" (so Kehlmann in einem Interview). Außerdem benutzt der Autor für seinen subjektiven Zweck zwei so populäre Heilige der Gelehrtennation, die selbst im geteilten Deutschland für eine gewisse Einigkeit sorgten. Carl Friedrich Gauß (1777–1855), "der Fürst der Mathematiker", blickte vom 10-Mark- Schein (West), und Alexander von Humboldt (1769–1859), "der wahre Entdecker Südamerikas", deutlich weniger wert, vom 5-Mark- Schein (Ost). Die Art, wie Daniel Kehlmann mit den zwei bis zur Lächerlichkeit exzentrischen Genies umspringt, mag den Wächtern des biografischen Anstands nicht passen. Der literarischen Kunst ist sie jedenfalls sehr zuträglich.

Kehlmann macht aus den beiden Geistesfürsten zwei sympathische Käuze und zielt dabei wohl gar nicht so weit an der Realität vorbei. Geschickt verstrickt er die Lebensläufe von Humboldt und Gauß – nicht zu einer wissenschaftlich stichfesten Doppelbiografie, sondern zu einem brillanten Unterhaltungsroman aus der Wissenschaftsgeschichte. Er beginnt mit dem einzigen (realen) Treffen der beiden 1828 auf einem Kongress in Berlin; der schrullige Provinzler Gauß ist Gast im Haus des weltläufigen Humboldt; der Unterschied zwischen ihnen könnte nicht krasser sein.

In den folgenden zwei Dritteln des Romans sind die Kapitel abwechselnd einer der beiden Hauptfiguren gewidmet. Erst dann setzt die Handlung wieder in den Berliner Tagen fort und verfolgt noch eine Weile die getrennten Wege dieser zwei besessenen Heroen der Wissenschaft. Mehr noch als mit diesem raffiniert komplizierten Aufbau glänzt Kehlmanns Roman durch die konsequente Abschaffung der direkten Dialoge. Dadurch gibt es nie das übliche langwierige Pingpong historischer Romane, nirgends die erfundenen Reden in altertümelnder Sprache (die sachkundige Langeweile à la Umberto Eco). Kehlmann bringt alle Gespräche in der indirekten Rede, im schlanken Konjunktiv I, der es ihm erlaubt, auch vermutlich umständliches Gerede in blitzschnelle Passagen zu verwandeln. So geht die erste Begegnung der beiden Berühmtheiten in der "widerlichen Stadt" Berlin recht rasch vor sich: Der zeremonielle Humboldt "rief, welche Ehre es sei, was für ein großer Moment für Deutschland, die Wissen- schaft, ihn selbst." Gauß, der mürrische Gast, "sagte, er wolle nach Hause". Man redet aneinander vorbei, doch dank der Präzision des Autors geschieht das kurz und schmerzlos.

Besessen sind beide von Zahlen und Vermessungen, viel mehr haben sie nicht gemein. Gauß kommt aus dürftigen Verhältnissen, nur sein genialer mathematischer Kopf rettet ihn vor der Armut, bringt ihn aufs Gymnasium und an die Universität. Schon als Jüngling macht er sensationelle Entdeckungen zu den Primzahlen und zur Berechnung von Sternenbahnen. Mit 24 publiziert er sein Hauptwerk, die Disquisitiones Arithmeticae, und gewöhnt sich ans Berühmtsein. Der Lehrstuhl im muffigen Göttingen bringt aber nicht so viel ein, also verdingt er sich jahrelang auch als Landvermesser. Wie in einer Slapstick-Nummer tappt der tollpatschige Gauß durch die Gegend und durch kafkaeske Situationen. Als Gehilfe dient ihm sein begriffsstütziger Sohn Eugen. Wie der Landvermesser K. in Das Schloss begehrt auch Gauß zu später Stunde Einlass in ein Adelshaus. – Eher gut erfunden als wahr sind solche Umstände natürlich ein gefundenes Fressen für Daniel Kehlmann und für ein vergnügliches literarisches Verweisspiel.

anz anders steht es um Humboldt, den klein gewachsenen, großen Mann aus vermögendem Adel. Der allwissende Erzähler (und der vielwissende Autor) hält sich nicht lange auf bei der Kindheit im Schloss Tegel und beim Studium im Eilschritt des Genies, um schnell zur exotischen Hauptsache zu kommen, zu Humboldts Expedition nach Südamerika (1799 bis 1804). Da kommt der kuriose Preuße an keinem Erdloch und an keinem Vulkan vorbei, ohne sie zu vermessen. Menschenfresser und Mineralien, alles interessiert ihn, die Leichen von Indios ebenso wie die Heiligtümer der Inkas. Er ist ein Aufklärer vom alten Schlag; was er nicht sieht, gibt es nicht. Sein Glaubensbekenntnis ist die Empirie, Naturrätsel hin oder her. Schöngeistige Literatur mag Kehlmanns Humboldt (im Unterschied zum wirklichen) gar nicht. "Bücher ohne Zahlen beunruhigten ihn." Und "Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde", seien ihm ein Gräuel. – So stellt der Autor sein eigenes Verfahren infrage und lässt sich in diesem selbstironischen Spiel von seiner Romanfigur einen Rüffel erteilen.

Ganz ähnlich sieht das auch der misanthropische Gauß. Sonst kann er aber nichts anfangen mit dem vernunfttrunkenen Humboldt und mit dem "alten kantischen Unsinn". Er hadert mit der rückständigen Epoche, in der er lebt, und ist überzeugt, dass es bald "Maschinen" geben werde, mit denen man "von Göttingen in einer halben Stunde nach Berlin" fliegen könne. Außer- dem wisse er, "der Raum biege und die Zeit dehne sich". Humboldt hingegen scheinen solche Spekulationen um die physikalische Relativität ein Witz, er habe solches "Gefasel nie verstanden". So brüsk scheiden sich die Geister in diesem schillernden Roman und bereiten dem Leser ein beträchtliches Vergnügen aus Philosophie, Wissenschaft, Witz und Abenteuer. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24/25.9.2005)

Von Franz Haas

Franz Haas ist Literatur- wissenschafter, er lebt in Rom und lehrt an der Universität Mailand. Er schreibt unter anderem für die "NZZ".
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