Geduld und Demut

20. Februar 2006, 16:10
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Zwei Tugenden die man als StudentIn in Wien aufbringen muss, zumindest wenn man mit der Zeugnisverwaltung zu tun hat - ein Erlebnisbericht einer Psychologiestudentin

Hat man sein Psychologie-Studium abgeschlossen, holt man sich das Diplomzeugnis und die offizielle und einzige Bestätigung, dass man nun einen "Magistertitel" hat, vom Prüfungsreferat im Psychologie Institut in der Liebiggasse 5 ab. Die Verwaltung von Prüfungen und Zeugnissen ist, das kann man ruhig so sagen, personifiziert in der Person von Frau Mag. Ruth Schubert. Seit dem Beginn meines Studiums bis hin zum letzten Tag führt kein Weg an ihr vorbei. Alles was eingereicht, umgetauscht, bewilligt und abgeholt werden muss, macht man bei ihr. Bei ihr fließen alle Fäden zusammen. Jede Frage wird von ihr beantwortet. Sie ist die allwissende Macht über alle Formulare und Zeugnisse. So viel Wissen ist natürlich heiß begehrt. Zu den spärlichen Sprechstundenzeiten von Frau Schubert reihen sich unzählige StudentInnen vor ihrem Zimmer aneinander und warten darauf, einen Stempel oder eine Unterschrift für diverse Formulare zu ergattern.

So auch letzten Mittwoch, an dem ich mich zum allerletzten Mal in meinem Leben zu Frau Schubert aufgemacht habe, um mein Diplomzeugnis abzuholen. Ich war schon einmal im Juni mit diesem Vorhaben dort gewesen, habe aber angesichts der wartenden Menschenmenge wieder kehrt gemacht und auf mein Diplom noch eine Zeit lang verzichtet. Jetzt Anfang September, sagte ich mir, da kann noch nicht so viel los sein, das ist ein guter Moment um das zu erledigen. Als ich mich erwartungsvoll vom Fahrrad schwinge und durch den Eingang des Instituts gehe, sehe ich eine Schlage von etwa 50 Personen. Natürlich wollen sie alle zu Frau Schubert. Ich bin fassungslos. Als ob ich das noch nötig hätte! Jetzt wo ich doch schon Magistra bin! Warum hat sie denn nur vier Stunden insgesamt im ganzen Monat September geöffnet, fragt eine Frau neben mir. Ich frage mich, wieso keine zweite allwissende personifizierte Zeugnis- und Prüfungsverwalterin eingestellt wird.

Ich entschließe mich also doch zu warten, weil ich in den nächsten 3 Stunden nichts vorhabe. Ich setzte mich hin und warte folgsam wie die anderen. Nach einer Stunde kommt mir ein unglaubliches Gerücht zu Ohren: wenn man nur etwas abholen will, darf man vorgehen. Ich springe also auf und gehe in Schuberts Büro. Drinnen stehen weitere 8 oder 9 Personen und warten. Es ist heiß und stickig. Das Telefon läutet pausenlos und wird nicht beantwortet. Die anderen Wartenden sehen Frau Schubert dabei zu, wie sie Zeugnisse von einem Stapel kontrolliert und auf dem entsprechenden Bogen zu jedem Zeugnis ein Hackerl macht. Einreichen des ersten Studienabschnitts. Eine langwierige Angelegenheit.

Nach weiteren 10 Minuten, die ich in dem Zimmer gedünstet habe, und die nächste an der Reihe ist, will ich vorpreschen. Eine Frau neben mir setzt an: „Entschuldigung...“ und wird überhört. Ich bin schon an der äußersten Grenze meiner Geduld und gehe vor zu Schuberts Tisch um ihr mitzuteilen, dass ich nur mein Diplomzeugnis abholen will. DIPLOM!!! Die Frau, die sich vorher zu Wort gemeldet hatte, sagt: „Ich auch!“ „Gut“, sagt sie. „Geben Sie mir ihre Studienausweise.“ Sie gibt mir ein Formular zum unterschreiben und einen Fragebogen. Den kann ich ausfüllen, „aber nur wenn ich will“, fügt sie hinzu. Ich will, denn in dem Fragebogen werde ich gefragt, ob ich mit dem Studium zufrieden war. Nach einigen Minuten, ich sitze – sehr unfeierlich - zwischen einigen Kartons am Boden, ist es gegen Ende der Sprechstunde. Frau Schubert geht hinaus und bittet alle, die noch draußen warten, in ihr Büro zu kommen. „Es wird zwar jetzt ein bisschen eng, aber kommen sie jetzt bitte alle herein.“

In dem Raum stehen nun an die 20 Personen, während sich einige noch draußen vor der Tür drängen. Als ich den Fragebogen abgebe, sehe ich neben mir den Studienprogrammleiter, Dr. Marko Jirasko. Er wirft einen kopfschüttelnden Blick auf die Menge und sagt wissend zu Frau Schubert: „Das werden wir in Zukunft mit Voranmeldung machen.“ Irritiert denke ich: ‚Was hat das damit zu tun?’ und sage: „Vielleicht sollte man einfach eine zweite Person einstellen!“ Jirakso gibt ein Argument von sich, das ich als Studentin am Institut schon öfters gehört habe: „Sie haben jetzt den ganzen Sommer Zeit gehabt, warum kommen Sie denn alle jetzt?“ Die Frage ist mir völlig unverständlich, daher versuche ich ein bisschen Realität zurück in das Gespräch zu holen: „Das ist hier immer so, egal wann man kommt.“ Frau Schubert seufzt zustimmend: „Das stimmt, das ist wirklich so.“

Jirasko antwortet mit einem Lächeln: „Ja, aber die Studenten fragen immer so viel. Wenn Sie sich vorher die Informationen durchlesen würden, dann würde das hier nicht alles so lange dauern.“ Hm, da bin ich perplex, der Mann hat wirklich ein paar sehr beeindruckende Vorschläge. Ich murmle „So ist das halt, wenn man studiert. Eine Person für 2000 Studierende, das ist einfach unmöglich!“ Mein Verstand sagt mir, dass das jedem einleuchten muss. Jirasko aber ist scheinbar taub gegenüber Studenten-Mündern. Er erwidert, zufrieden zu seiner Einsicht gelangt: „Das werden wir mit Voranmeldung regeln“ und verlässt den Raum.

Die anderen StudentInnen sind weiter mit ihren Formularen beschäftigt, niemand möchte noch weiter Zeit verlieren oder hat den Nerv für solche Gespräche. Nur eine junge Studentin schaut mich an und nickt mir zu. Dafür habe ich meinen Abschluss, denke ich mir, damit ich mir so was anhören muss. Nachdem ich den Raum verlassen habe und die Reste meiner Integrität vor der Tür wieder aufsammle, resümiere ich: Die Bedürfnisse von StudentInnen haben an der Uni keinen Platz. Dafür gibt es ja zum Studienabschluss einen Fragebogen.

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    foto: derstandard.at/lichtl
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