Freunde googeln

2. Jänner 2007, 13:12
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Das Erste, was ich im Internet gemacht habe, war Freunde aufzuspüren

+++Pro
von Leo Szemeliker

Das Erste, was ich im Internet gemacht habe, war Freunde aufzuspüren. Damals hieß es noch Telnet, hatte weder Nackte noch illegale Musik zu bieten, sondern nur einen schwarzen Bildschirm mit weißen Buchstaben darauf. Fortschrittlich wie die Wiener Wirtschaftsuniversität nun einmal ist, konnte bereits ab 1993 jeder Student eine E-Mail-Adresse bekommen. Super. Nur: Was damit anfangen?

Nach vielen Anrufen, damals noch am Festnetz im Hotel Mama, konnte ich einen Freund mit Adresse aufspüren. Ich schrieb ihm ein Mail, dass ich auch ein Mail hätte. Er hat es meines Wissens nach nie gelesen, weil er nicht wusste, wie man dazu gelangt. Aber wir sind noch immer Freunde.

Vor zwei Wochen, also Äonen später, hab ich aus einer Eingebung heraus - A. behauptet, seitens Satans - A. gegoogelt. A., ein begnadeter Metal-Gitarrist aus Eisenstadt mit ungarischen Wurzeln, wanderte Ende der 80er-Jahre nach Kalifornien aus um berühmt zu werden. Stattdessen verhedderte er sich in Hochzeiten mit irisch-mexikanischen Mafiatöchtern, obskuren Kirchenmitgliedschaften und satanistischem Death-Metal. Seit 1991 habe ich nichts mehr von ihm gehört. Und dann kamen Google und die Eingebung.

Ich fand seine E-Mail-Adresse auf einer Homepage namens Happy Hungarians, auf der er andere Auslandsungarn in Florida zum gemeinsamen Kirchenbesuch und/oder Death-Metal-Spielen suchte. Ich schrieb ihm ein Mail, er begeistert zurück, wir haben telefoniert. "Hilarious", mehr kann man nicht sagen. Der Teufel lacht, denn wir haben Google.



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Contra---
von Mia Eidlhuber

Der Sündenfall beginnt nicht erst mit den Freunden - das muss vorausgeschickt werden. Sich selbst zu "googeln" (was das ist, erklärt der Duden) steht natürlich als absolutes "No-no" ganz an oberster Stelle der Benimm-Regeln des angehenden 21. Jahrhunderts. Solcherart Sündenfälle sind aber weit verbreitet und am beliebsten dort, wo Computer & Co noch als Errungenschaften des modernen Lebens gefeiert werden, während man selbst die Mobilbox schon lange nicht mehr abhört und 80 Prozent der Mails ungelesen löscht. Man selbst "googelt" nämlich höchstens Analphabetismusraten, das Sterbedatum von Sigmund Freud und wie man "Feuilleton" schreibt - sonst nichts. Wenn allerdings der eigene Vater das Internet entdeckt, ist das so, als würde man dem Nachwuchs beim Laufenlernen zuschauen. Lieb ist es schon! Man bekommt Guten-Morgen-Mails - und im fortgeschrittenen Stadium eine erboste Vater-Tochter-Bilanz: 40:557 (!) Treffer beim "Googeln". Ob auf Familienmitglieder-Googeln Strafminderung steht, ist zweifelhaft - von Freunden eben ganz abgesehen. Will ich wissen, dass ein nicht fader Verflossener jetzt einen faden Job bei Ernst & Young macht und meine Freundin schon beim Schul-Bühnenspiel die Hauptrolle in "Die Troierinnen des Euripides" spielte? Eben. Ich halte es da mit Eric Schmidt, der nicht mehr gegoogelt werden will. Wer das jetzt wieder ist? Googeln Sie ihn! Das ist erlaubt, der ist mit großer Sicherheit kein Freund von Ihnen, aber reicher! (Der Standard/rondo/23/9/2005)

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