Aus der dunklen in eine helle Zeit

24. Oktober 2005, 15:55
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Hunger, Trümmer, Überleben: 65 Frauen erzählen ihre Geschichte von den Aufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg

Österreich nach Kriegsende 1945: Zwei Drittel des Wohnraums sind zerstört, alles liegt in Schutt und Trümmern. Trinkwasser ist rar, der Hunger groß. In fast allen Bereichen leisten Frauen nach dem Krieg Schwerstarbeit, demonstrieren gegen den Hunger, kämpfen mit Erfindergeist ums Überleben, arbeiten unermüdlich für den Wiederaufbau, ersetzen in vielen Berufen die Männer.

60 Jahre nach Kriegsende und 50 Jahre nach Unterzeichnung des Staatsvertrags interviewen 57 junge Frauen der ARGE Generationendialog 65 Frauen aus ganz Österreich, die diese Zeit erlebt haben: als Mädchen, als Mütter, als Überlebende. In enger Kooperation von Sozialistischer Jugend, SPÖ Frauen, Pensionistenverband und Freiheitskämpfern entsteht aus dem Projekt ein Buch: "Aus der dunklen in eine helle Zeit". Frauengeschichten aus den Aufbaujahren, die zeigen, wie stark und kämpferisch Frauen die schwere Nachkriegszeit bewältigt haben; die von Arbeitsleben und Alltag berichten, von Liebe und Sexualität, Rückkehr, Politik, Familie und der Organisation des (Über-)Lebens.

Trümmerhaufen

"Das war nicht mehr mein Wien – das war ein Trümmerhaufen", erinnert sich Antonia Bruha, geboren 1915 und Mitarbeiterin der ersten Stunde beim Aufbau des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW). 20 Kilo wiegt sie nur mehr, als sie nach Jahren im KZ Ravensbrück und einmonatigem Fußmarsch endlich ihre Heimat wieder sieht. "Ich hatte nur mehr einen Haarflaum, war mit einem Ausschlag übersät und an mir hingen nur mehr Fetzen von Kleidung. Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass von dem Haus, in dem ich mit meinem Mann und mit meinem Kind gewohnt hatte, das Dach fehlte." Die Hausbesorgerin erkennt sie nicht gleich: "Wir kaufen nichts und haben nichts zu essen".

Dann das Wiedersehen mit der vierjährigen Tochter; drei Monate war sie, als die Gestapo sie von der Mutter trennte. "Als ich ihr erklären wollte, dass ich ihre Mutter sei, lief sie entsetzt zur Pflegemama: 'Tante, diese hässliche alte Frau sagt, dass sie meine Mutti ist. Meine Mutti ist auf dem Foto aber eine schöne blonde Frau! Schick sie weg, das ist nicht meine Mutti!'. Zwei Jahre haben wir gebraucht, bis sie das erste Mal 'Mutti, ich hab Dich lieb', sagte."

Heirat im Schutt

Erna Musik versteckte noch Jahre nach dem Krieg ihre im Unterarm eintätowierte Nummer unter einem Schal. Als die Widerstandskämpferin 1945 nach Auschwitz und Ravensbrück wieder nach Wien kommt, geht es ihr gesundheitlich sehr schlecht, aber: "Man konnte frei reden – und ich hab geredet wie ein Wasserfall." Am 8. Juli 1945 heiratet sie endlich ihren Mann: "Für mich war es einfach herrlich, obwohl wir über Schutt und Trümmer in die Kirche gegangen sind." Ernas Mann ging von der Hochzeitstafel weg Schutt schaufeln. Wien von Trümmern zu befreien, war auch in der Folge die Freizeitbeschäftigung der beiden: "Wann immer es möglich war, egal, ob Samstag oder Sonntag, haben wir mit den jungen Leuten Schutt weggeräumt."

Trotz Krankheit lebt Erna Musik vor allem für ihr Geschäft: Eine kleine Weißnäherei im Friedrich-Engels-Hof in Wien-Brigittenau, die später ihre Tochter übernimmt. In einem Nazi-Prozess muss sie als Kronzeugin gegen jenen Mann aussagen, der sie ins KZ gebracht hatte – sie gab ihm eine Ohrfeige. Auf die Frage des Richters, welche Strafe sie für angebracht hielte, sagte sie: "Ich würde ihm eine Bettstelle geben und was zu essen und ihn arbeiten lassen, bis Wien wieder aufgebaut ist."

Euphorie vor dem Belvedere

Hilde Oberbichler ging noch zur Schule, als der Krieg zu Ende war. Sie erlebte den Einmarsch der Russen in Eisenstadt, wohin sie wegen der Bombenangriffe gebracht worden war. "Ich arbeitete erst im russischen Lazarett und dann in einer Gärtnerei und im Herbst 1945 konnte ich wieder die Handelsschule in Wien besuchen." 1947 wird sie fertig, muss aber ein halbes Jahr warten, bis sie 18 ist und einen Posten bei der Gemeinde Wien antreten kann. 1948 wird sie in der Sozialistischen Jugend angestellt und in das Wiener Frauenkomitee entsendet, später wechselt sie zum ÖGB. "Als ich 1952 geheiratet habe, sind wir von einer kleinen, nassen Wohnung in eine schöne, große Gemeindewohnung gezogen, gemeinsam mit meinen Eltern." Den Tag der Unterzeichnung des Staatsvertrags erlebt sie 1955 vor dem Belvedere: "Das war schon ein besonderer Tag. Die Stimmung unter den tausenden Menschen war euphorisch."

"Ich wünsche keinem Menschen, diese Zeit nochmals mitzuerleben, diese Not, dieses Elend", sagt Zeitzeugin Rosa Heinz in Erinnerung an die Nachkriegsjahre. "Ich kann keine Lebensmittel wegwerfen, obwohl es mir heute sehr gut geht. Es ist wunderschön, aus einer dunklen Zeit in eine helle hineinzuwachsen." (isa)
Ansichtssache: Die Buchpräsentation im "ega"

"Aus der dunklen in eine helle Zeit" - Frauengeschichten aus den Aufbaujahren.
echomedia-Verlag, Wien 2005,
239 S., 23,10 Euro
ISBN 3-901761-45-4.

Das Buch ist u.a. im Frauenzimmer oder bei Amazon erhältlich.
  • Projekt Generationendialog: Junge Frauen interviewten 65 Zeitzeuginnen in ganz Österreich.
    foto: petra spiola
    Projekt Generationendialog: Junge Frauen interviewten 65 Zeitzeuginnen in ganz Österreich.
  • Drei von ihnen erzählten bei der Buchpräsentation im ega, wie es damals war: Antonia Bruha...
    foto: petra spiola
    Drei von ihnen erzählten bei der Buchpräsentation im ega, wie es damals war: Antonia Bruha...
  • ...Erna Musik...
    foto: petra spiola
    ...Erna Musik...
  • ...und Hilde Oberbichler
    foto: petra spiola
    ...und Hilde Oberbichler
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