Sanfter Tourismus soll in Zypern wieder Leben in die Dörfer bringen. Katharina Santner besuchte die "Cyprus Villages"
Es ist Montag. Wir sitzen in einer Taverne in Kilani, einem Dorf in den Bergen Zyperns. Auf der Terrasse reihen sich an die fünfzig Plastiktische einsam aneinander. Irgendwo flattert eine Plane im Wind. Die einzigen Menschen in Sichtweite sind die Frauen des Familienbetriebs, die nacheinander kleine Gerichte bringen - die typischen Mezze, eine Abfolge unterschiedlichster Gerichte, die auf den Tisch kommen, wenn sie in der Küche gerade fertig geworden sind.
Die gefüllten Weinblätter, in Wein eingelegten Würsteln und Tahina-Soße schmecken wunderbar und Tellergeklapper ist die einzige Geräuschkulisse. Denn das Dorf wirkt wie ausgestorben. Nur ein Esel grast auf der anderen Seite des Tals. Als schließlich Metrios, der zypriotische, mittelsüße Kaffee serviert wird, kommt noch das Miau-Konzert der fünf rotbraunen Wirtshauskatzen dazu. Warum es hier so ruhig ist? "Kilani ist ein Ausflugsort. Die Touristen kommen nur am Wochenende", antwortet Jiorgios Parcharides.
Doch ganz zufrieden geben kann man sich mit der Erklärung nicht. Denn wer mit dem Auto die kleinen Dörfer des zypriotischen Landesinneren abklappert, sieht und spürt sie auch, die Verlassenheit. Verfallene Häuser säumen den Weg. Ganze Dörfer wirken wie ausgestorben. Manche Schulen sind geschlossen, denn nur die Alten sind im Landesinneren geblieben.
Dort fehlt vor allem die Lebensgrundlage. Wein- und Obstbau reichen heute nicht mehr aus, um eine Familie zu erhalten. Davon zeugen auch die zahllosen aufgegebenen Weinterrassen, die auf der Fahrt durch die Hügel die Straßen säumen. Arbeitsplätze im Tourismus in den Küstenstädten Limassol, Páphos und Lárnaka bewogen viele Zyprioten, ihre Dörfer zu verlassen und ein neues Leben in der Stadt zu beginnen.
Einige Dörfer und einen Tag weiter sitzen wir wieder beim Essen. Von der Terrasse der Taverne in Tochni kann man das Dorf überblicken. Entlang enger Gassen drängen sich Häuser aus rotbraunem Stein. Auf hölzernen Balkonen wächst unter anderem wilder Wein. Ein Blick ins Innere zeigt aus dunklem Holz gefertigte Bauernmöbel. Die zypriotischen Betten sind ein Meer aus weißer Spitze.
Rustikal, aber gemütlich wirken auch die kleinen Appartements, die uns Sofronis Potamitis zeigt. Der Inhaber der Taverne in Tochni wollte der Landflucht nicht mehr zusehen und gründete 1987 "Cyprus Villages". Sanfter Tourismus soll wieder Leben in die Dörfer bringen. Die Regierung steuert Förderungen zur Renovierung der traditionellen Häuser bei, die dann als Appartements vermietet werden. So will man dem Verfall der alten Steinbauten entgegenwirken. Denn in manchen Gegenden werden seit der Steinzeit die gleichen Baumaterialien - wie Flusssteine und Lehmziegel - verwendet.
"Cyprus Villages" umfasst Dörfer in drei Regionen, darunter die Gegend um Tochni, das etwa eine halbe Stunde nordöstlich von Limassol und zehn Minuten vom Meer entfernt liegt. Die Troodos Region, die einst als reichstes Weingebiet galt, und die Region um Páphos und Akámas im Nordwesten der Insel.
Berühmt sind die Bodenmosaike in römischen Villen aus dem 3. bis 5. Jahrhundert vor Christus in Páphos, die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurden und Szenen aus der griechischen Mythologie zeigen. Nicht weit ist auch das Naturschutzgebiet in der Umgebung des Akamas-Gebirgszuges.
Da öffentlicher Verkehr in Zypern so gut wie nicht vorhanden ist, sind in den Angeboten von "Cyprus Villages" Mietautos inkludiert. So werden die weit gehend unberührten Strände an der Südküste erreichbar - und auch Sehenswürdigkeiten wie die römischen Ausgrabungen in Kourion oder die Stelle, an der Aphrodite einst aus dem Meer gestiegen sein soll.
Wer die Einsamkeit der Dörfer dann doch nicht mehr erträgt, kann sich ins Nachtleben von Limassol stürzen. Bars und Nachtklubs sind hinter den Hotelburgen am Küstenstreifen aufgefädelt. Hier scheint sich die gesamte Energie, die in den Dörfern fehlt, zu entladen. Vor allem englische Touristen feiern hier die Nächte durch.
Nach einem längeren Aufenthalt in Limassol sehnt sich so mancher doch wieder zurück in die Einsamkeit der Taverne in Kilani. Denn bei hausgemachten Köstlichkeiten und zypriotischem Kaffee wirkt die Leere inklusive Katzengesang plötzlich angenehm. (Der Standard/rondo/23/9/3005)
Anreise:
Cyprus Airways fliegen dreimal proWoche von Wien nach Lárnaka.
Flüge sind im Internet unter Cyprus Airways buchbar.
Unterkunft:
Einen Aufenthalt in den Cyprus Villages kann man unter Cyprus Villages oder bei Reiseveranstaltern buchen.
Allgemeine Info:
Zypern Tourismus, Parkring 20,
1010 Wien, Tel.: 01 / 513 18 70-0