Amokläufe des Narzissmus

7. November 2005, 10:18
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Das Eröffnungsprogramm des Tanzquartiers Wien unter dem Titel "I Say I" will hoch hinaus - und verrät doch dramaturgische Schwächen

Ist das "Ich" eine Handelsmarke?


Wien - Das Saisoneröffnungsprogramm I Say I des Tanzquartiers Wien (TQW), das die Icherzählung im Tanz und Performance heute thematisieren will, hätte einen großen Nagel auf den Kopf treffen können. Denn Europa produziert derzeit massenhaft Selfmadekarrieren und Ich-AGs, sodass das heimische Wirtschaftsförderungsinstitut (Wifi) seine Werbelinie auf ein Logo zuspitzt: ICH®. Also auf das "Ich" als "eingetragene Handelsmarke".

Eine klare Herausforderung für das TQW wäre also gewesen, Parallelen oder Differenzen zwischen Ich-AGs in der Wirtschaft und in der Kunst herauszuarbeiten. Aus künstlerischer Sicht kein Problem, denn Choreografie bedeutet die Arbeit mit Organisationsmustern. Und diese sind nötig, um Tanzstücke zu generieren, aber auch, um Dosenbier zu produzieren. Das TQW hat statt dessen auf ein Notnägelchen gezielt, das noch dazu dem Anspruch seines Titels nicht gerecht wird.

Wenn es heißt, I Say I, dann macht es durchaus Sinn, Anne Teresa De Keersmaekers Stück I said I, von dem immerhin der Programmtitel entlehnt ist, einzuladen. Oder eine virtuelle Klammer zu João Fiadeiros Solo I am here oder Chris Harings Projekt My private bodyshop, die das TQW erst später im Herbst zeigen will, herzustellen. Wie auch immer, eine "derzeit ausgeprägte Tendenz zum ,Ich-Erzählen' und ,Ich-Sagen' im zeitgenössischen Tanz", wie im Programm verkündet, ist aus einer so kleinen Stichprobe von fünf Stücken und einem Modeabend keinesfalls abzulesen, auch wenn beim kommenden Symposium zum Thema einiges gesagt werden könnte.

Sterbensdialoge

Trotz dieses kuratorischen Danebenklopfens, einige Arbeiten bei I Say I bewiesen Augenmaß. Der niederländische Regisseur, Dramaturg und Performer Robert Steijn etwa zeigte in seinem Solo facing the invisible einen fiktiven Dialog zwischen einem sterbenden Vater und dessen Sohn Robert Steijn. Die Worte des Vaters erscheinen als Schrift auf einer Videoprojektion, die mit Liveaufnahmen des Darstellers von sich selbst unterlegt ist. Steijn schafft es, das sensible Thema berührend umzusetzen, ohne Pathos oder Abgeklärtheit zu zelebrieren.

Der Libanese Rabih Mroué stellte die Frage: Who's afraid of representation? Nicht ohne Ironie werden theatralische Selbstverletzungsaktionen in der Performance Art, etwa von Gina Pane, Chris Burden oder Günter Brus, nacherzählt und mit der Geschichte eines Amokläufers konfrontiert. Die Kunsterzählung geschieht sehr symbolträchtig im Video, die Amokstory wird live vor der Leinwand erzählt. Weniger gelungen war ein Kooperationsabend zwischen Choreografen und Modedesignern unter dem Titel Dresscode. Kurz gesagt: Hätten die Tanzkünstlerinnen Anne Juren und Krõõt Juurak am Ende nicht mit einer cleveren Performance gepunktet, wäre der Flop perfekt gewesen.

Die interessante Parallele zu dem I Say I-Rahmen: Der Abend litt vor allem an einer schwachen Gesamtstruktur. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.09.2005)

Von Helmut Ploebst
  • Verkleidungen, die uns über unsere Einsamkeit als "Ich-AGs" hinwegtrösten sollen: "Dresscode" als Kooperation von Tanzquartier und "Unit F büro für mode".
    foto: doujak

    Verkleidungen, die uns über unsere Einsamkeit als "Ich-AGs" hinwegtrösten sollen: "Dresscode" als Kooperation von Tanzquartier und "Unit F büro für mode".

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