Ekstatische Weltlandschaft mit Tier

14. November 2005, 17:54
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Das Münchner Lenbach­haus huldigt in den kommenden Monaten dem Maler Franz Marc mit einer großzügigen Retrospektive

Ein heikler, gelungener Balanceakt zwischen erwartetem Publikumsansturm und wissenschaftlichem Anspruch.


München – Seine ausgesprochene Volkstümlichkeit hat sich nach dem Krieg zugleich als Pferdefuß erwiesen: Franz Marc (1880–1916) war und ist vermutlich der beliebteste Maler unter den Protagonisten der frühen Moderne in Deutschland. Den zu Tode reproduzierten zackigen Tigern, blauen Pferden und gelben Kühen entkommt man in keinem Museumsshop. Populärer noch als der intellektuelle Kandinsky, märchenverzückter noch als August Macke, hat der Mitstreiter der Künstler gruppe der Blaue Reiter die Bilder einer idealistisch abstrahierten Realität massen kompatibel gemacht. Umso heikler war der Balanceakt zwischen erwartetem Publikumsansturm und wissenschaftlichem Anspruch, den das Münchner Lenbach haus zu bewältigen hatte, als es nunmehr aus Anlass seines 125.Geburtstags die große Franz-Marc-Retrospektive eröffnete. Obwohl mit entsprechendem Marketingpomp wie zwei illuminierten Kassenpavillons auf dem Königsplatz ausgestattet, verzichtete man doch im Inneren des Museums auf die publikumsgän gigen Mythen.

Rhythmus der Dinge

Marc wird nicht lokalpatriotisch als Held einer in Mün chen aus der Taufe gehobenen avantgardistischen Vorhut vor dem Ersten Weltkrieg gefeiert. Die gerne im Boulevardton aufbereitete private Zwickmühle Franz Marcs wird ganz in die biografischen Angaben verwiesen: Der vor allem im so genannten Blauen Land um Kochel und Murnau produktive Maler schwankte in frühen Jahren (ab 1906) existenziell haltlos zwischen zwei in kurzer Abfolge geehelichten Ma lerkolleginnen: Marie Schnür und seiner endgültigen Gemahlin Maria Franck. "Ich suche mein Empfinden für den organischen Rhythmus aller Dinge zu steigern, suche mich pantheistisch einzufühlen in das Zittern und Rinnen des Blutes in der Natur, in den Bäumen, in den Tieren, in der Luft ...", schrieb Franz Marc 1910 an den Verleger Reinhard Piper. Es sind derlei von Nietzsches Antimaterialismus infizierte, voller Emphase ins Kunstreligiöse gesteigerte Sätze, die nicht nur rationaler gesonnene Kritiker lange vor Marc zurückschrecken ließen.

In der Ausstellung finden sich die Marc'schen Klassiker auf dem in immer anderen Farben gefassten Fond der Wände wieder pur auf ihre malerische Souveränität zurückgeführt. Die zauberisch- kristallinen Arbeiten auf Papier wiederum sind in schwarzen Kojen vor schädlichen Lichteinwirkungen geschützt. Flankiert wird das farbprächtige Oeuvre von den in der Villa des Lenbachhauses unterge brachten frühen Arbeiten: Nur stotternd befreite sich Marc anfangs von der tonigen Münchner Malerschule. Kuratorin Annegret Hoberg konnte Preziosen aus der ganzen Welt vereinen. So hat das New Yorker Guggenheim mit dem Stier (1911), Das arme Land Tirol (1913) und den Stallungen (1913) generös Gemälde beigesteuert. Bislang im Original unbekannt ist unter anderem ein Bild aus einer Schweizer Privatsammlung: Es zeigt einen schneeweißen Hund in Rückenansicht, der als Ersatz zum romantischen Mönch in eine in Farbakkorde zersplitterte Landschaft blickt (1912). Dank eigenwilligen Bildern wie diesen gehörte der im Ersten Weltkrieg gefallene Marc bereits zu Lebzeiten zu den bei Sammlern und Galeristen gefragten Malern. Bernhard Koehler, ein Berliner Bewunderer und Mäzen, hatte ihm zuletzt sogar ein monatliches Fixum gezahlt. Mit der Koehler-Stiftung kamen 1965 hochberühmte Marcs ans Münchner Lenbachhaus.

In unmittelbarer Nachbar schaft zur ohnehin opulenten Sammlung des Blauen Reiters ist diese rund 100 Gemälde und 145 Papierarbeiten um fassende Retrospektive also am richtigen Ort verankert. Sie trägt sicher dazu bei, den in seiner "animalischen" Vernarrtheit einseitig betrach teten Maler eines "vergeistig ten" Expressionismus wieder in einem klareren Licht zu sehen. Und: Gerade der späte Marc wusste auf synthetische Weise die Strömungen von Kubismus und Futurismus mit den Einsichten in die moderne, weil "abstrakte" Natur wissenschaft malerisch zu verschweißen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.09.2005)

Von Birgit Sonna

Lenbachhaus
Bis 8. Januar
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Im Münchner Lenbachhaus ermöglicht eine kluge Ausstellungsdramaturgie neue, unverstellte Blicke auf das malerische und zeichnerische Werk von Franz Marc.

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