"Hydro-Verkauf ist Provokation"

16. Oktober 2005, 20:12
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Siemens will die Auto­mationstechnik, das Herzstück die VA Tech Hydro, behalten - Das sorgt ebenso für Unver­ständnis wie die Geheim­haltungsauflagen für die Bieter

Wien - Beim Verkauf des VA-Tech-Kraftwerksbaus ("Hydro") geht es ans Eingemachte. Seit Montag verteilt die Investmentbank Goldman Sachs das im Auftrag von Siemens erstellte Sales-Memorandum an Kaufinteressenten.

Erste Beurteilungen selbiger fallen vernichtend aus: "Diese Verkaufsunterlagen sind eine Provokation." Aus der Deckung der Anonymität wagt sich freilich kein möglicher Hydro-Käufer. Der Grund: Siemens habe extrem scharfe Geheimhaltungsauflagen erteilt.

Wer diese verletze, fliege nicht nur aus dem Verkaufsprozess, sondern müsse auch mit Klagen wegen Geschäftsschädigung rechnen. Laut Insidern dürfen sich potenzielle Käufer nicht einmal öffentlich als Interessenten outen. So etwas sei zu Verhandlungsbeginn international eigentlich unüblich.

Gute Gründe für Geheimniskrämerei

Die Geheimniskrämerei dürfte freilich gute Gründe haben. Denn Siemens stellt nach langem Hin und Her im Konzern zwar die gesamte Hydro, also Wasserkraft plus fossilem Kraftwerksbau ("Combined Cycle") und Generatorenfertigung für General Electric, zum Verkauf, nicht aber deren Herzstück, die Automatisierungstechnik.

Diese ist mit Fernwirktechnik und "Schutz & Erregung" in der VA Tech SAT gebündelt, die formal stets in der VA-Tech- Tochter T&D (Energieübertragung und -verteilung) angesiedelt war, aber auch essenzieller Bestandteil der Hydro ist.

"Kraftwerksbau ohne SAT ist wie ein Fernseher ohne Fernbedienung", schildert ein Anlagenbau-Spezialist die Wichtigkeit der SAT. Wie die EU einem Hydro- Verkauf ohne SAT zustimmen könne, sei ihm unerklärlich. Die sei ja quasi ein Nervenzentrum.

Drohende Abhängigkeit

Bekomme der Käufer keinen Teil der SAT oder zumindest Zugang zu deren Software und Know- how, werde Hydro vom Start weg enorm geschwächt bzw. bleibe abhängig von Siemens, sorgt sich Hydro-Betriebsrat Siegfried Tromaier, der die Informationen aus den Verkaufsunterlagen allerdings nicht bestätigen kann.

Tromaier ist alarmiert: "Wir werden nochmals darauf hinweisen, dass wir das so sicher nicht akzeptieren." Ein Eigenaufbau sei nicht nur teuer, sondern auch ein Wettbewerbsnachteil. Den habe die EU ja verhindern wollen.

Völlig ungewiss ist die Zukunft der weltweit tätigen SAT innerhalb des Siemens-Reichs. Als eigenständiges Unternehmen dürfte sie laut Siemens-Planungen längstens zwei bis fünf Jahre existieren - je nach Bedarf potenzieller Käufer, wie aus Siemens-Kreisen durchsickert. Formal zuständig sind praktischerweise die Siemens- Standorte Berlin, Nürnberg und Wien.

Einzelteile im Angebot

Sorgenfalten verursacht in der Rest-VA Tech (der Industrieanlagenbau VAI in Linz, ElinEBG und T&D sind de facto nur noch auf dem Papier eigenständig, Anm.) weiters, dass Siemens die Interessenten in den Verkaufsunterlagen ermuntert, auch Angebote für Einzelteile der Hydro abzugeben.

Nicht zum Verkauf angeboten werden indes die Grundstücke und Liegenschaften in Weiz (ehemals Elin). Sie haben formal allerdings immer der VA Tech Hydro gehört. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.09.2005)

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    grafik: der standard
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