Pleitewelle rollt weiter

12. Oktober 2005, 15:08
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Konkursanträge bei Unternehmen stiegen um 17,3 Prozent, vor allem Klein- und Mittelbetriebe sind betroffen - auch die Zahl der Privat­konkurse nimmt weiter zu - Mit Infografik

Wien - Die Insolvenzwelle in Österreich hat sich auch im dritten Quartal fortgesetzt: Immer mehr heimische Unternehmen und Privatpersonen müssen Konkurs anmelden, zeigt die jüngste Hochrechnung von Creditreform Österreich, die Mitglied der größten Gläubigerschutzorganisation Europas ist.

Die Zahl der heimischen Gesamtinsolvenzen stieg demnach bis Ende September um 15,1 Prozent, insgesamt gab es in den ersten neun Monaten 10.045 Gesamtinsolvenzen, davon 5.275 gewerbliche Insolvenzen und 4.770 überschuldete Privatpersonen.

Damit habe sich der Trend zu mehr Insolvenzen des ersten Halbjahres auch im Folgequartal weiter fortgesetzt. Entwarnung werde es bei den "tief roten Zahlen so schnell nicht geben", so die Einschätzung der Creditreform. "Es kracht im Gebälk der österreichischen Wirtschaft", so der zusammenfassende Befund.

KMU vor allem betroffen

Insbesondere die Klein- und Mittelbetriebe (KMU), die 99,6 Prozent der heimischen Unternehmen stellen, sind von der Pleitewelle betroffen: 2.318 eröffnete Konkurse bedeuten ein Plus von knapp 9 Prozent, weitere knapp 3.000 Pleiten (+25 Prozent) mangels Masse abgewiesen.

Bei den Bundesländern führt Vorarlberg mit einer Zuwachsrate von 40,9 Prozent vor Tirol (plus 40,2 Prozent) und Niederösterreich (plus 37,5 Prozent) die Statistik an, während lediglich Oberösterreich ein Minus von 7,2 Prozent aufweisen kann. In der Bundeshauptstadt Wien gibt es um 7,7 Prozent mehr Firmeninsolvenzen.

Die meisten "Crashes" gibt es in der Informations- und Consulting-Branche (1.360), es folgen der Handel (1.001) und die Tourismus- und Freizeit-Branche (837). Die Branchen "Industrie" sowie "Banken und Versicherungen" erweisen sich als relativ insolvenzsicher.

Mangels Vermögen abgewiesen

Mehr als die Hälfte, nämlich 56 Prozent, aller gestellten Konkursanträge werden abgewiesen, weil hier nicht einmal mehr das Geld für die Verfahrenseröffnung vorhanden ist. Laut Creditreform könnten geeignete Frühwarnmechanismen oder ein ordentliches Risikomanagement eine gewisse Abhilfe schaffen. Möglicherweise würden sich manche gescheiterte Manager wegen befürchteter gesellschaftlicher Ächtung die Lage ihrer Firma nicht eingestehen, es könnte auch an positiven Anreizen zur frühzeitigen Insolvenzprophylaxe auf Seite des Gesetzgebers fehlen.

Der Ausgleich spielt mit ganzen 58 Fällen bis September (-36 Prozent) kaum noch eine Rolle. Die Zahl der Verfahren nach dem Unternehmensreorganisationsgesetz lässt sich an einer Hand abzählen.

Creditreform fordert eine "zeitgemäße Änderung des Insolvenzrechtes" unter einer stärkeren Berücksichtigung der Unternehmenssanierung. "Der beste Gläubigerschutz besteht im Verhindern eines Konkurses, denn ein saniertes Unternehmen braucht keinen Totengräber mehr". Jetzt sei der Gesetzgeber am Zug. Ein Bonus-Malus-System könnte eine frühere Anmeldung des Sanierungsfalles für Unternehmer schmackhafter machen: Je früher die Anmeldung erfolgt, desto länger soll er Schutz vor Gläubigern nach Vorbild des amerikanischen Chapter 11-Verfahrens genießen, so der Vorschlag. Im Gegenzug müsste die Geschäftsführerhaftung angehoben werden, um den Missbrauch zu verhindern und Gläubigerinteressen vor einer Übervorteilung des Schuldners zu schützen.

Zunahme bei Privatkonkursen

Die Zahl insolventer Privatpersonen stieg um 12,7 Prozent auf 4.770, davon wurden 3.831 Schuldenregulierungsverfahren eröffnet (+8 Prozent) und 939 mangels Vermögen abgewiesen (+37 Prozent). Die Steiermark (+32 Prozent) führt diese Liste an, vor Kärnten (+25 Prozent) und Wien (22 Prozent). Immer mehr Private sind so stark überschuldet, dass sie sich nicht einmal mehr mittels Schuldenregulierungsverfahren aus der Krise retten können. Durch verstärkte Aufklärung und rechtzeitige Erziehung zu verantwortungsvollem Umgang mit Geld müsse diesem Trend entgegengesteuert werden. (APA)

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    Die meisten "Crashes" gibt es in der Informations- und Consulting-Branche.

  • Infografik: Mehr Insolvenzen in Österreich
    grafik: der standard

    Infografik: Mehr Insolvenzen in Österreich

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