Die verschnürte Schule

8. November 2005, 12:52
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Bevor sich Ministerin Gehrer der von den Grünen geforderten Sondersitzung zum Thema Bildung stellte, legte sie ihr "Schulpaket II" samt Pädagogischen Hoch­schulen vor

Wien – Den Grünen ist es ein so dringliches Anliegen, dass sie die einzige Sondersitzung, die sie beantragen dürfen, dem Thema Bildung widmeten. Mittwochnachmittag wurden Schulen und Universitäten im Parlament verhandelt. Grünen-Chef Alexander Van der Bellen trat als Erster ans Rednerpult und sorgte sich um die 20-prozentige "Risikogruppe" von Jugendliche, die laut Pisa- Studie nicht sinnverstehend lesen können: "Niemand weiß, wie sie den Anforderungen eines modernen Arbeitsmarkt entsprechen sollen". Lehrerstellen dürften nicht parallel zum Schülerschwund abgebaut werden und die Unis bräuchten unbedingt mehr Geld und Studienplätze.

Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) konterte Van der Bellens "angstmachende Aussagen" etwas genervt: "Die Schul- und Universitätswelt schaut anders aus, als es uns die grün-rote Jammergesellschaft dauernd weismachen will." Die Regierung räume Bildung besonderes Gewicht ein und gebe viel Geld dafür aus. "Von Kaputtsparen kann keine Rede sein." Bei der Akademikerquote konstatierte sie "jetzt ein Problem" an den Medizinunis, das zu lösen sei.

Papperlapapp-Haltung

SP-Chef Alfred Gusenbauer diagnostizierte bei Gehrer "selektive Taubheit" und "Papperlapapp-Pädagogik", die sich durch "Schönrednerei" auszeichne und zu "Nichtbildungspolitik" führe. Er forderte 180.000 zusätzliche Ganztagsbetreuungsplätze in Schulen, "neue Motivation für die Lehrer" und "dringend mehr Geld für die Unis". Koalitionspartner BZÖ stand Gehrer bei. Sportstaatssekretär Karl Schweitzer lobte "großartige Reformen innerhalb kürzester Zeit" und Wissenschaftssprecherin Magda Bleckmann warf der SPÖ Kindesweglegung vor, habe sie doch jahrelang die Bildungspolitik mitgestaltet. BZÖ-Bildungssprecherin Mares Rossmann brachte für die Koalitionsparteien noch einen Entschließungsantrag für mehr Gewaltpräventionsmaßnahmen in Schulen ein.

Am Vormittag hatte Gehrer bereits das von ihr geschnürte "Schulpaket II" als tragende Säule der "neuen Schule" präsentiert. 22 von 33 Empfehlungen der Zukunftskommission seien abgearbeitet: "Wir arbeiten zügig an der Verbesserung der Schule", die Rahmenbedingungen seien gut, aber "es kommt auf die Stimmung an", so Gehrer.

Das Schulpaket, das nun in Begutachtung geht und bis Ende des Jahres beschlussfertig sein soll, beinhalte "weitere Innovationen" und diene mit den neuen pädagogischen Hochschulen der "Professionalisierung des Lehrberufs".

"Wir wollen keinen Tag vergeuden", erklärte Generalsekretär Hermann Helm die de facto zweitägige Verlängerung des Schuljahres durch den Start am Montag (statt Mittwoch in höheren Schulen). Bis Mittwoch muss der Stundenplan fertig sein (bisher 3 Wochen Zeit). Der frühere "Normalbetrieb" schlägt sich mit 1,8 Millionen Euro Mehrkosten für Lehrerüberstunden nieder. Insgesamt kostet die Umsetzung des zweiten Schulpakets 18 Millionen Euro jährlich. Nachsatz von Gehrer: "Aber man kann Schulentwicklung nicht immer am Geld messen."

(Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 22.9.05)

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