Im Retro-Eck

11. Dezember 2005, 22:45
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Das Debatte um die "Homo-Ehe light" bringt die ÖVP ins Strudeln - Von Barbara Tóth

Die Debatte über die "Ehe light" – sei es für hetero- oder homosexuelle Paare – ist für die ÖVP auch deshalb eine so problematische, weil sie eine der Grundfragen politischer Positionierung berührt. Wofür kann eine moderne konservative Partei gesellschaftspolitisch noch stehen, wenn sie sich einmal vom traditionellen Familienbild verabschiedet hat?

Längst herrscht bunte Vielfalt im politischen Werte-Supermarkt. Das urkonservative Motto "Mehr privat, weniger Staat" konnte zwischenzeitlich auch der sozialdemokratische Kanzler Franz Vranitzky ungestraft verfolgen, mittlerweile nimmt sein Nachnachfolger Wolfgang Schüssel, der für sich beansprucht, diesen Slogan in Österreich populär gemacht zu haben, ohne Augenzwinkern ein höheres Budgetdefizit für ein paar Arbeitslose weniger in Kauf. Nicht viel anders ist es beim Heimatbegriff, jenem Code, den die ÖVP als Kanzlerpartei so deutlich und gekonnt wie vor ihr kaum jemand einzusetzen weiß: Glasklare Seen, saubere Luft und Schutz der Bergwelt sind den Grünen mindestens genauso ein Anliegen, das sie, frei von Wirtschaftsnähe, auch noch weit glaubwürdiger vertreten können.

Das Bild der heilen Kernfamilie, das immer noch den Grundton der Schüssel'schen Gesellschaftspolitik bestimmt, entspricht längst nicht mehr der Realität. Im Privatgespräch geben Spitzenfunktionäre inklusive Minister das auch bereitwillig zu, nicht wenige von ihnen leben ja selbst im modernen Äquivalent der Ehe, der Patchworkfamilie. Sich parteiintern für eine Modernisierung dieser Begrifflichkeiten einzusetzen ist ihnen aber offenbar zu riskant. Wer will sich schon mit dem Kanzler in einer zentralen Wertefrage anlegen? Genau diese Debatte bräuchte die ÖVP aber, um nicht noch weiter ins Retro-Eck der Politik gedrängt zu werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2005)

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