Die Macht ist grün

1. Mai 2006, 21:53
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Die 36 Kubikzentimeter mehr, über die die Kawasaki ZX-6R im Vergleich zu anderen 600ern hat, sind das Seidel, das man noch braucht

"Ihr schaut ja böse aus!" war die erste Reaktion von B. als ich mit der Kawasaki ZX-6R im Hof eines Motorradhändlers der Konkurrenz einfuhr, um B., die ihr Motorrad zum Service brachte, abzuholen.

Doch gleich gab es einen gewaltigen Dämpfer: "Brauchst gar nicht so zu grinsen, die 6er kaufst dir nicht! Du hast schon eine Kawa!" Mein gewinseltes "Aber die grüne 636er hier unterscheidet sich gewaltig von der blauen Z750 daheim...", brachte mir nur ein: "Farbliche Unterschiede interessieren mich nicht!" ein.

Soziatest

Der Aufstieg der Sozia auf die grüne Macht verlangt einiges an Körperbeherrschung. "Für Frauen mit kürzeren Haxerln musst immer ein Stockerl mitführen, sonst dakraxeln die das nie." Aber die spottende B. schaffte die Übung bravourös und mäkelte auch nicht an der beinah liegenden Sitzhaltung mit den stark angewinkelten Beinen herum.

Überhaupt gab es nach dem Wegfahren kein schlechtes Wort mehr über die ZX-6R. Denn, "Woah ist die aber laut." nehme ich als Kompliment an die 636er. Vielleicht bekomm ich ja doch noch ihren Segen.

Kollegentest

War es wirklich reiner Zufall, dass Kollege Fidler prompt an jenem Tag seinen mehrwöchigen Urlaub beendete, von dem er wusste, dass ich an jenem die Kawasaki holen würde? Es dauerte nur ein paar Stunden, bis er die Schlüssel und Papiere zwecks Probefahrt forderte.

Tags darauf erhalte ich ein E-Mail mit dem Betreff: "Ich will nach Pannonien. Und zwar sofort." Er gibt zu, dass die ZX-6R "genau das Seidel mehr im Vergleich zur R6 hat, das man braucht." Dieses Gefühl schlägt sich auch in Zahlen nieder: die Hubraumvergrößerung um 36 Kubikzentimeter der Kawasaki (636 ccm) bringen ein Plus von 7 Pferden an Leistung (130 PS, sogar 136 mir Ram Air) und 2 Newtonmeter mehr Drehmoment (71 Nm) im Vergleich zur Yamaha R6. Dabei wiegt die R6 nur 2 Kilo weniger als die ZX-6R (164 kg).

Handling und Optik der Yamaha sagen dem Herrn Fidler mehr zu, aber auch das kantigere Erstmodell der 636er. Naja, Geschmack hat man, oder eben nicht – und ich würde sogar darüber streiten.

Selbsttest

Ein verlängertes Wochenende stand an, also ließ ich mir Papiere und Schlüssel wieder aushändigen – nix wird aus Pannonien und Fidler und Kawasaki.

Auf den folgenden mehr als 1000 Kilometern versuchte ich herauszufinden, was denn am Handling nicht passen sollte. Ich kam nicht drauf. In die Schräglagen fährt die Kawasaki beinah von allein. Lediglich der Gedanke an die Kurve scheint auszureichen, um durch sie zu zirkeln. Da braucht es kein vehementes Drücken oder Zerren am Lenker.

Die Sitzposition ist supersportlich und man fühlt sich sofort in das Motorrad integriert. Keine Nackenschmerzen, auch auf längeren Touren. Nur die Handgelenke lassen ein wenig Jammern, so man gemütlich unterwegs ist, also im Stop&Go der Stadt.

Das Getriebe ist fein abgestimmt und die Gänge lassen sich ohne Kupplung mühe- und geräuschlos hinauf wie hinunter schalten. Allein zwischen dem 1. und dem 2. Gang empfiehlt sich ein kurzer Zug am Kupplungshebel.

Abgestellt zwischen einer nigelnagelneuen BMW, einer frisch polierten Varadero und einigen Nakeds scharte sich die vom Benzinduft angezogene Männerschar fast ausschließlich um die grüne 636er.

An roten Ampeln stehend, wurde die 6er Ninja nicht nur einmal zum Gesprächsthema, in einem der Autos neben mir. Ein Mann zeigte heroisch auf das grüne Geschoß, lächelte dabei wie Jesse James und erläuterte vermutlich technische Details – seine Beifahrerin hingegen machte eher den Eindruck als würde sie sich auch wieder einmal so viel Zuwendung wünschen.

Es wäre also gar nicht nötig, am Hinterrad loszufahren, wo immer es geht (also genügend Sturzräume vorhanden sind), um die Blicke auf sich zu ziehen – aber lustig ist es trotzdem. Und ja, Herr Fidler, ich hatte sie mehrmals am Hinterrad!

Man müsste nicht ständig in einem Tourenbereich von 7000 bis 15000 Touren fahren, um sicher zu gehen, dass man auch die Wertschätzung bekommt, die man zu verdienen meint. Aber der Sound des schreienden Kettenhundes zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht (eh unter dem Spiegelvisier – auf der Kawa lächelt man nicht, man schaut so böse wie sie!)

Nach Drehzahlen über 7000 Touren verlangt die ZX-6R aber auch, vor allem außerhalb von Ortschaften und am Ring. Also ist es gerechtfertigt, laut zu sein. Und bevor der Motor in lichten Drehzahlhöhen wieder an Leistung verliert, oder gar in den Begrenzer dreht, erinnert freundlich ein Schaltblitz an die zu hebende Fußspitze.

Mankos

Nein, die Kawasaki ZX-6R ist nicht für die Landstraße gebaut, nicht für die Autobahn. Ihr Revier ist der Ring. Es ist unmöglich, im Alltag die 636er artgerecht auszuführen – ich gehe sogar so weit und behaupte: Sogar am Ring braucht es einen Vollprofi, um diese Kawasaki an ihre Grenzen zu bringen. Der Rest ist Stammtischgeschwätz.

Das Unangebrachteste an der ZX-6R war nicht, wie man meinen möchte, die Hinterradbremse, die so gut wie keine Wirkung zeigte, sondern meine blau-weiße Lederkombi, die farblich ganz und gar nicht zum Kawasakigrün passte. Aber wenn das alles bleibt, was B. moniert, dann leg ich mir eben eine grüne Kombi zu. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 17.9.2005)

Kawasaki ZX-6R
Preis: € 11.750,-

4-Zyl., 4-Takt, Hubraum: 636 ccm, Leistung: 95,5 kW (130 PS), mit Ram Air 100 kW (136 PS), Max. Drehmoment: 70,5 Nm/ 11.500 Umin. Getriebe: 6 Gang, Kette. Federung vorne: 41mm Teleskop, Federung hinten: Uni-Trak. Bremsen vorne: 2 Scheiben, 280 mm, Bremsen hinten: 220 mm Scheibenbremse. Tankinhalt: 17 Liter. Trockengewicht: 164 kg.

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Kawasaki

  • Giftgrüner Publikumsmagnet: die ZX-6R.
    foto: werk

    Giftgrüner Publikumsmagnet: die ZX-6R.

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