"Unerhörtes Harmoniebedürfnis schadet"

18. Juli 2006, 13:45
5 Postings

Im mittleren Management steigt die Frauenquote, in den ersten Ebenen bleibt sie gering. Über Strategien und notwendige Werkzeuge

"Frauen sind wohl super ausgebildet und leistungsbewusst, meist aber nicht auf Kampfsituationen vorbereitet", konstatiert Wirtschaftscoach Christine Bauer-Jelinek, was sie unter anderem zur Gründung ihres Instituts für Machtkompetenz geführt hat. Dies in einem Umfeld, in dem nicht nur die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht gelöst ist. Bauer-Jelinek: Solidarität sei zudem nicht mehr die Basis, sondern eine starke Eigenverantwortung, die vor dem Hintergrund gesättigter Märkte, fortschreitender Liberalisierung und Globalisierung zu ganz neuen Konkurrenzsituationen geführt habe.

"Ja, es ist kalt geworden", so Anton Wais, Generaldirektor der Post. Die klassischen Karrierebäume existierten heute nicht mehr, der Wandel sei ein täglicher und schneller. Aber: "Männer kreuzen die Waffen kaum mit Frauen, sie weichen aus und holen inzwischen Verpflegung."

Frauen müssten friedliche, aber auch kämpferische Formen der Macht beherrschen, um an die wenigen verfügbaren Spitzenplätze zu gelangen, so Bauer-Jelineks These. Am Begriff "Härte" scheiden sich zwar die Geister der Diskutanten, das notwendige Verhalten wird mehr in Richtung "taktisch" verschoben, aber, so sind sich die Diskutantinnen und Diskutanten einig: Ein Teil des Weges an die Spitze sei, dass Frauen es lernen zu ertragen, ohne Harmonie und mit Konflikten zu leben.

"Ein unerhörtes Harmoniebedürfnis", so Coface-Generaldirektorin Martina Dobringer, schade Frauen. "Damit geht es nicht."

Elisabeth Heller, seit vielen Jahren mit Heller Consult in der Unternehmensberatung etabliert und mittlerweile bis nach Dubai expandiert: "Über mich sagen auch viele: Die Heller ist hart. Ich sage, dass ich konsequent bin. Und ich verlange meinen Preis." Das sei eines der Kernprobleme der Frauen: "Ihre Leistung ist sehr gut, aber sie haben beim Preis ein Problem, da braucht man sich ja nur die Gehaltsschere bis ins Top-Management anschauen."

Als Defizit ortet Heller bei Frauen auch oft den Umgang mit Zeichen der Macht (etwa Kleidung), und: "Es geht auch um Stimme und Sprache. Das müssen wir lernen."

Sabine Fischer, Beraterin in ihrer Symfony Consulting und Initiatorin der Veranstaltungsreihe "Women talk Business", sieht prinzipiell "die Strukturen als Mauern gegen Frauen". Diese gehörten geändert. Bauer-Jelinek widerspricht: "Es ist eine Illusion, an frauenfreundlichere Strukturen zu glauben. Von dieser müssen wir uns verabschieden."

Barbara Sporn, erste habilitierte Betriebswirtschafterin an der Wiener Wirtschafts-Uni und derzeit Vizerektorin, stimmt zu: "Die Wirklichkeit lautet: Wenn du es nicht nach unseren Regeln schaffst, dann eben nicht." Wenn Frauen, so wie derzeit, alle weiblichen Lebensmodelle in ein einziges Leben packen sollen, dann müssten dies Organisationen auch ermöglichen.

Dobringer: "Eine Frau, die Kind und Karriere vereinen will, muss den richtigen Mann heiraten und sehr, sehr viel Geld in die Infrastruktur aufwenden." Heller unterstützt diesbezüglich die Forderung von Familienministerin Maria Rauch-Kallat nach steuerlicher Absetzbarkeit für Kinderbetreuungsaufwendungen. Bauer-Jelinek: "Das bringt auch neue, legale Arbeitsplätze."

"Die so genannte Ich-AG ist bei Frauen ja meist ein Konzernverhältnis mit Töchtern und Söhnen, da sind 100 Prozent für den Job eben nicht immer drinnen", sagt Wais. Allerdings, merkt er an, erlebe er auch, dass Frauen die Männer mit männlichen Symbolen der Macht "schlagen".

Er kenne übrigens auch Frauen, die in Verhandlungen wesentlich härter agierten als "jeder Mann". Das weitere Miteinander gestalte sich nach solchen Verhandlungen dann allerdings oft schwierig. Bauer-Jelinek: "Deswegen ist es ja so wichtig, Eskalations-, aber auch Deeskalationsstrategien zu beherrschen."

"Gerade bei Spitzenpositionen", so Peter Oswald, Vorstandschef der Mondi Packaging, "sind die Trade-offs für Frauen stärker." Er versucht derzeit verstärkt, Frauen in Führungspositionen zu bringen.

Derzeit betrage die Quote bei Mondi Packaging mit 16.000 Mitarbeitern, davon 5000 im Büro, sechs Prozent. Oswald beklagt einerseits "die relativ hohe Abgangsquote von Frauen" und andererseits "den schon häufigen Richtungswechsel in der Lebensplanung".

Wais: "Auch ich erlebe sozusagen das Schicksal von Männern, die Frauen fördern: Karenz." Oswald: "Bei uns muss das Verstärken der Frauen in Führungspositionen allerdings weiter gehen." Insgesamt sieht er Frauen "oft als zu wenig selbstbewusst". Sie würden ihren Standpunkt zu oft aufgeben, um Konflikte zu vermeiden. Christine Bauer-Jelinek hakt ein: "Auch darum geht es: Aushalten, dass der andere nicht froh sein wird, nicht immer beziehungsorientiert agieren und nicht immer alle lieb haben müssen."

Heller schließt an: Vor allem junge Frauen fürchten durch das Annehmen von Macht Weiblichkeitsverluste. "Das ändert sich allerdings mit dem Alter, mit der Reife einer Frau." Sie sieht den Fokus falsch gesetzt: "Warum müssen Frauen in frühen Lebensjahren Karriere machen? Frauen kommen später, oft erst nach der Menopause zur Entfaltung, dann wandelt sich auch die Energie mehr in Richtung Yang."

Daraus ergebe sich allerdings: "Wir müssen jungen Frauen helfen, das ist unsere Verantwortung." Dobringer: "Heute lebe ich natürlich von der Akzeptanz des Alters. Das ist in jungen Jahren anders."

"Lernen von den Besten, nämlich den Männern" ergibt sich dabei als zentrale Aufgabe für Frauen. Nachahmung ist damit allerdings nicht gemeint. "Monogeschlechtliche Netzwerke halte ich für völlig überholt. Ich nutze natürlich auch Männer als Sparring-Partner", so Martina Dobringer. Wais: "Reine Frauennetzwerke sind wahrscheinlich genau so schlecht wie reine Männernetzwerke." Er rät karrierewilligen Frauen, sich auf den zu konzentrieren, der bei der Gestaltung der Karriere eine entscheidende Rolle spielt. Fischer hält weibliche Role-Models insgesamt für sehr wichtig.

Barbara Sporn: "Ich halte auch die Arbeit mit Coaching und Reflexion für zentral, ich mache das." Sie werde dadurch in einem positiven Sinn "zunehmend machtbewusster". Und: "Ich wollte immer Wissenschafterin werden. Auf neuen Wegen muss man Machtkompetenzen erlernen. Frauen sagen ja oft, es seien ihnen Karriereschritte einfach nur passiert." Sporn zweifelt eine solche Abfolge von "Zufällen" an.

Sowohl friedliche als auch kämpferische Formen der Macht gehörten ins Repertoire, so Bauer-Jelinek. Dies auch, um Selbstschädigung zu vermeiden. (Der Standard, Printausgabe 17/18.9.2005)

Von Karin Bauer
Share if you care.