Viehböck reitet wieder

7. Oktober 2005, 10:41
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Martin Amanshausers überraschend stringente Weltraumfantasie "Alles klappt nie"

Wir schreiben das Jahr 2020. Die Raumfahrt ist so weit fortgeschritten, dass die Eröffnung des ersten Space-Hotels unmittelbar bevorsteht. Der Weltraumbahnhof, von dem aus es abenteuerlustige Millionäre erreichen sollen, befindet sich nicht etwa in den USA oder in Japan, sondern in Oberwaltersdorf. Schließlich handelt es sich bei dem Projekt um den jüngsten Coup von Frank Stronach, der seinen Magna-Konzern auch mit fast 90 Jahren immer noch im Alleingang führt. Sein braver Schatten hört nach wie vor auf den Namen Westenthaler.

Zur Bewerbung des Weltraumhotels wurde Jenny Li, ein kanadisches Ex-Model, auf die Magna-Station geschickt, von der aus sie Werbebotschaften Richtung Erde projiziert. Markus Rogan, selbstredend Goldmedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2008 und nunmehr als Arzt Leiter der Abteilung "Magna Health", soll ihr zwecks noch mehr Publicity folgen. Als dann jedoch Komplikationen auftreten und der russische Satellit CCCP mit der Station auf Kollisionskurs gerät, kann nur mehr einer helfen: Franz Viehböck, der leberkäsesüchtige MIR-Kosmonaut des vorigen Jahrtausends. Schließlich ist er der Einzige, der bei Magna wirklich etwas von Raumfahrt versteht. Allerdings ist er nicht mehr bei bester Gesundheit.

An der Oberfläche ist Martin Amanshausers neuer Roman Alles klappt nie eine absurd-fantastische Weltraumgeschichte mit einem Personal, das einem ziemlich bekannt vorkommt. Daher musste dem Buch der Hinweis vorangestellt werden: "Auch wenn einige Figuren realen Vorbildern nachgeformt sind, entspringen sowohl Handlung als auch Personal ausschließlich der Fantasie von Martin Amanshauser." Tatsächlich ist es Amanshauser gelungen, seine Figuren so zu zeichnen, wie man sie sich in 15 Jahren glaubwürdig vorstellen kann. Stronach bleibt Stronach; Westenthaler wirkt nachdenklicher, droht beinahe sympathisch zu werden; Rogan ist auch mit fast 40 noch der brave Musterschüler, der es allen recht machen will, also irgendwie suspekt; nur der gemütliche Herbert Prohaska fällt aus der Rolle und sorgt, nachdem er von seinem Trainerposten bei der Austria entlassen wurde, für ein blutiges Finale.

Alles klappt nie hebt an wie ein typischer Amanshauser, sprudelt vor von einer verrückten Gegenwart angetriebenen bizarren Ideen über und zeichnet sich sprachlich wiederum durch eine an Schutzheiligen wie Richard Brautigan und Kurt Vonnegut geschulte Lakonik aus. Sprich: Der Roman hält zumindest anfangs tunlichst Abstand von so genannter ernsthafter, tiefsinniger Literatur. So weit, so bekannt.

Dennoch sticht dieses Buch aus Amanshausers Schaffen heraus. Konnten die Geschichten bislang nicht ganz mit der Fantasie des Autors Schritt halten oder bevorzugte Amanshauser womöglich ganz bewusst das Unrunde, sich nicht zu einem schönen Ganzen Findende, so erweist er sich nun ausgerechnet in einem Alles klappt nie betitelten Roman als erstaunlich disziplinierter Erzähler.

Nachdem er zuletzt Chicken Christl (2004) in einem schwer durchschaubaren Pointen-Finale versenkte, konzentriert er sich hier mehr auf die Stringenz der Story und der Figuren. Ja, mit Fortdauer der Handlung wird es nachgerade ernsthaft. Schiebt man vereinzelte Kalauer beiseite, entpuppt sich Alles klappt nie im Kern als ein Buch über menschliche Gefühle, das für die Ängste und Sehnsüchte seiner Figuren einen angemessenen Ton findet.

Am Ende verliert die Magna-Station mit Li, Rogan und dem schwer angeschlagenen Viehböck den Kontakt zur Erde. In Oberwaltersdorf bekommt derweil Westenthaler eine Kugel in den Hintern. In einem früheren Amanshauser-Roman hätte man sich ob eines solchen Szenarios auf die Schenkel geklopft, in Alles klappt nie fühlt man mit den tragikomischen Figuren mit. Gut möglich, dass der Planet Amanshauser mit diesem Buch in eine neue Umlaufbahn eingetreten ist. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.9.2005)

Von Sebastian Fasthuber
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    Martin Amanshauser:
    "Alles klappt nie"
    Weltraumroman.
    € 18,40/233 Seiten. Deuticke, Wien 2005

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