Nicht ohne meinen Bernhardiner

20. Oktober 2005, 19:14
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Heilquellen, Food-Festivals und gediegenen Luxus findet man in der Ostschweiz

Natürlich hegt man hier zu Lande von Sankt Moritz gewisse romantische Vorstellungen. Schließlich fühlt man sich dem Engadiner Skiort dank Robert Seeger und diverser Ski-Medaillen durchausverbunden. Und dass sich dort Schöne und Reiche nur so tummeln, weiß man aus einschlägigen Gazetten beim Friseur. St. Moritz liegt mittenin der romanischen Schweiz, hat aber außer manchen Straßennamen - "Via Veglia", das alte Gässchen - nicht viel Romanisches an sich.

In dem 5600-Einwohner-Ort, der ebenso viele Gästebetten aufweist, geht man beeindruckend gelassen mit dem Reichtum um. Ein Ortsbild voll bäuerlicher Zuckerbäcker-Idylle war nie der Anspruch. Baulich ist es eine Mischung aus Restbeständen des 17. Jhs. und den alles prägenden 50er-, 60er- und 70er-Jahren. Über allem thront La Chesa Futura, ein kürbisförmiges Haus auf Stelzen des britischen Stararchitekten Sir Norman Foster aus dem Jahr 2000, das mit geteilter Meinung aufgenommen wurde.

Vor drei Jahren hat man im Stadtzentrum mit der Errichtung von La Murezzana begonnen. Der Einkaufstempel mit Luxushotel wird ein Viersternehotel ersetzen in einem Ort, in dem an Luxushotels bisher ohnehin kein Mangel, sondern die höchste Dichte weltweit herrscht. Dem Luxusleben und auch den damit verbundenen Dienstleistungen, gibt man sich "innerlich" hin. Wie zum Beispiel im Extrastüberl des renommierten Kaviar-Handelshauses der Familie Glattfelder, dessen Geschäftsfassade den Eindruck eines Hinterhof-Computershops vermittelt. Das Kempinski Les Bains ist das älteste Hotel des Ortes und direkt an die Heilquelle angeschlossen. Umbau und Renovierung zu einer geschmackvollen und dezenten Dienstleistungshochburg wurden vor drei Jahren abgeschlossen. Derzeit arbeitet die Stadt an einem auf Nachhaltigkeit und Verkehrsberuhigung abzielenden "Clean Mobility"-Planungskonzept.

Wohlstandsquellen

Bad Ragatz zählt wie St. Moritz zu einer Reihe von Heilquellen-Orten in der Ostschweiz. Es ist auch Gastgeber eines alljährlich stattfindenden High-Class-Gourmetfestivals. In Vals, der flächenmäßig größten Gemeinde Graubündens, die zu zwei Dritteln von Tourismuseinkünften lebt, wurde bereits Mitte der 90er-Jahre eine Therme errichtet, die nach damaligen Maßstäben fast utopisch erschien, nach heutigen puristische Eleganz ausstrahlt und noch immer sehr futuristisch anmutet.

Valser Quarzit, der dunkle Stein der Umgebung, war für den Architekten Peter Zumthor das Baumaterial der Wahl für innen und außen, um seine Ideen rund um das "Rituelle Bad" umzusetzen. Die Badeanlage, die in vielerlei Hinsicht Maßstäbe setzt, ist über einen unterirdischen Zugang vom Hotel Therme erreichbar.

Geleaste Idylle

Heidiland ist ein Zusammenschluss von 14 Gemeinden rund um Maienfeld und den Walensee. Der Name bezeichnet nicht nur die Region, sondern findet sich auch auf Autobahnraststätten, Mineralwasser und Almbutter. Die Figur aus Johanna Spyris um 1880 entstandenem Roman wird seit 1997 beeindruckend gründlich vermarktet. Im Sommer 2005 wurde auch das Heidi-Musical uraufgeführt.

Über der Stadt wurde ein historisches Walserdorf zum Heidi-Dorf, ein stark frequentierter Ausflugspunkt der Gegend. Als ob Heidi-Haus und Heidi-Ziegen nicht authentisch genug wären, wurde auch Berhardiner "Josef", der in einer japanischen Fassung (nicht original) vorkommt, von Besuchern aus Asien öfter eingefordert, wie Rosemarie Albrici, Guide im Heidi-Museum, berichtet.

Die Namensrechte an Heidiland hält übrigens die Stadt St. Moritz, die sie aber an die Gemeinden verleast. Rund um Maienfeld wird Wein angebaut und man züchtet seit Langem Pferde, mit denen man das Schweizer Militär im Ersten Weltkrieg versorgte. Heute veranstaltet man internationale Pferderennen.

Dass die Schweiz kein Billigland ist, ist kein großes Geheimnis. Aber in dem Bemühen, sich als Familiendestination zu zeigen, bieten immer mehr Hotels und Transporteinrichtungen wie die Schweizer Bahn Packages oder Kombitickets an, die den Preisen ihren vordergründigen Schrecken nehmen. Das Preisniveau ist gediegen, aber dafür bekommt man mehr geboten als nur Zeichentrick. (Der Standard, Printausgabe 17./18.9.2005)

  • Artikelbild
    www.heidiland.ch
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