Das Auto als Lebensnerv

21. Dezember 2005, 15:05
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Das Auto als Raum für individuelle Träume, Unterhaltung und als Freund wird liebevoll ausgestattet und wie ein Star inszeniert - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

In Frankreich droht ein Generalstreik, in Großbritannien gibt es Tankstellenblockaden; nationale Reserven werden freigegeben; Sondersteuern für Ölkonzerne stehen im Raum: Der Benzinpreis ist schuld, der durch die verheerende "Katrina"-Katastrophe weiter in die Höhe geschossen ist. Mit einem Barrel-Preis von 90 Euro rechnen viele - ein "Attentat" auf unser modernes Leben und vor allem auf dessen Lebensnerv Auto. Knapp 60 Millionen Autos werden weltweit pro Jahr verkauft, wobei gerade die Märkte in Osteuropa (7,4 Prozent) und Asien (11,1 Prozent) wachsen. Davon lebt auch Österreichs Autozulieferindustrie, der mit 20 Milliarden Euro pro Jahr zweitwichtigste Sektor der Volkswirtschaft. Entgegen aller Unkenrufe erfreut sich das Auto - das zeigt die gerade laufende IAA - größter Beliebtheit - dank einiger Entwicklungen:

1. Polarisierung - Billigautos und Luxusmarken gewinnen: Die "Aldisierung" hat die Autohersteller erreicht: Laut Umfragen wollen 47 Prozent der Deutschen in den nächsten drei Jahren ein Billigauto für höchstens 10.000 Euro kaufen. Auch aus China, geben 38 Prozent der Österreicher an. Zwar präsentierten sich erstmals drei chinesische Hersteller auf der IAA - BMW-Partner Brilliance mit dem Zhonghua; Geely mit dem Beauty Leopard und Jiangling mit dem 15.295 Euro-Offroader Landwind - aber gerade die verheerenden Ergebnisse im Crashtest bei letzteren zeigen, dass es noch eines langen Marsches bedarf. Anders geht es am anderen Ende der Preisskala zu: Porsche meldet Absatzrekorde bei Boxster- und Cayenne-Modellen und selbst für den 1,16 Millionen teuren, mit 1001 PS schnellsten Straßenwagen, den Bugatti Veyron, liegen 50 Vorbestellungen vor.

2. "Autotainment" - Emotionen entscheiden: Steigende Spritpreise und Umweltbewusstsein hin oder her - Autokäufer entscheiden emotional: VW musste den Drei-Liter-Lupo mangels Interesse vom Markt nehmen, Opel, klarer Marktführer bei Erdgasfahrzeugen, punktet vor allem mit einem 255 PS-starken Vectra. Und der Erfolg von Offroadern verdankt sich vor allem der Abenteueratmosphäre.

Das Auto als Raum für individuelle Träume, Unterhaltung und als Freund wird liebevoll ausgestattet und wie ein Star inszeniert: So der Absatzschlager Mini in einer Mischung aus Disco- und Luxushotel-Atmosphäre. Der BMW-Werbefilm von Regisseur Spike Lee wurde bei den Filmfestspielen gefeiert und das für die neue A-Klasse exklusiv komponierte Lied von Christina Aguilera schaffte es sofort auf Platz 29 der Charts.

3. Migration - die Wertschöpfung wandert: Mit Neuwagen verdient man nichts - Überkapazitäten und Rabattschlachten fordern ihren Zoll - sondern mit Accessoires und Finanzdienstleistungen: bis zu 95 Prozent der Gewinne(!). Eine Gefahr für die Innovation. Systemzulieferer füllen immer mehr die Lücke - Magna Steyr stellte das erste komplett selbst gebaute Erdgas-Konzeptfahrzeug "Mila" vor - und werden selbst zu Global Playern. Folge Konzentration: Bis 2015 soll ihre Zahl auf 3500 sinken. Allein Toyota übernimmt die Vorreiterrolle. Alle Modelle sollen künftig auch als Hybrid erhältlich sein. Die Verkaufszahlen sprechen dafür: seit 1997 wurden 425.000 Toyota-Hybridautos verkauft, allein im nächsten Jahr sollen es 400.000 sein.

Das Auto, Ikone des Industriezeitalters und "Leitfossil" des 20. Jahrhunderts, bleibt als Inkarnation von Mobilität und Individualität ein Schlüsselprodukt des 21. Jahrhunderts. Ästhetik und Lifestyle entlasten aber nicht davon, eine Antwort auf die immer drängendere Klima- und Kostenfrage nach einem nachhaltigen Energieeinsatz zu finden.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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