Kritik nach Bluttat: Prävention fehlt

5. Oktober 2005, 17:25
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Keine Zunahme von Gewalttaten an Schulen, aber Auseinander- setzungen werden brutaler - mit Grafik

Wien - Regeln Jugendliche Konflikte immer öfter nach dem Faustrecht? Die Anzeigenstatistik des Bundeskriminalamtes liefert dafür keine Bestätigung, Fälle von Körperverletzungen stagnieren eher (siehe Grafik). Andere Zahlen zu Gewalt an Schulen fehlen in Österreich aber. "Leider haben wir keine Studie dazu", bedauert Harald Aigner, im Bildungsministerium für Schulpsychologie zuständig. "Ich habe immer dafür plädiert, das Geld in Prävention und nicht in Dokumentation zu stecken", erklärt er. Jetzt wäre es aber "auch eine Aufgabe, einen Forschungsauftrag zu vergeben", gesteht er ein.

"Erschütternde Vorfälle in Schulen hat es schon immer gegeben, jetzt von einem Gewalttrend im Klassenzimmer zu reden, wäre falsch", meint Andreas Zembaty vom Verein Neustart. Dort wird neben Bewährungshilfe auch Konfliktregelung für Täter und Opfer angeboten - unter anderem das Projekt "Face to Face" in Polytechnischen Schulen. "Bei regelmäßigen Sozialarbeiterbesuchen werden Konflikte durchgespielt", erklärt Zembaty. Gruppenarbeit gehöre genauso dazu wie Einzelgespräche.

Autoaggression

Österreichweit betreut Neustart 10.000 jugendliche Täter und Opfer. "Was in Schulen zunimmt, ist Autoaggression, meist in Form von Suchtgiftmissbrauch. Viele Jugendliche führen regelrecht Krieg mit ihrer Gegenwart, weil sie mit der Zukunft nicht zurecht kommen", warnt Zembaty.

Andreas Bayr vom Verein "Rettet das Kind" sieht ebenfalls keine Zunahme von gewalttätigen Auseinandersetzungen. "Aber die Brutalität steigert sich", meint der Experte. Die Hemmschwellen seien gefallen, "heute liegt einer auf dem Boden und man steigt ihm auf den Kopf", so Bayr. Oft geschehen dies nicht aus Dominanz sondern aus Angstgründen. Was also tun? "Jugendlichen signalisieren: ,da ist jemand, der euch hilft - auch wenn ihr Scheiße gebaut habt'", appelliert Zembaty. Die alleinige Androhung von Strafe bringe wenig, auch Exkursionen ins Gefängnis zur Abschreckung seien kontraproduktiv. "Das ist nicht die Realität der Jugendlichen, die empfinden etwa die Haftanstalt Stein zwar als unangenehm, aber eher als eine Art negatives Disney-Land", betont der Sprecher von Neustart. Auch das Kriminalamt betreibt ein Präventionsprogramm für Schulen. Es heißt "Out - die Außenseiter" und soll anhand von Filmen über Schulprobleme (Mobbing, Raufereien) die Zivilcourage stärken. (moe, simo, DER STANDARD - Printausgabe, 17./18. September 2005)

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