Besuch der lieben Verwandten

14. Oktober 2005, 14:50
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Eines der spannendsten Projekte der diesjährigen Austrian Fashion Week: Modedesigner treffen auf die Crème junger Choreografen

"Ach, so viel haben die beiden gar nicht miteinander zu tun", sagt Sigrid Gareis und lacht dann auf. Der Tanz und die Mode - für die Chefin des Wiener Tanzquartiers sind sie zwei entfernte Verwandte. Hin und wieder treffen sie aufeinander, beäugen sich und ziehen dann wieder von dannen. Jeder in seine Richtung. Was hat man sich auch schon zu sagen?

Ein Gespräch über die Körper, um die sich bei beiden alles dreht? Ihren Ausdruck, ihre Verhüllung, ihre Beweglichkeit? Oder darüber, wie glamourös - aber auch wie hart - das Leben in beiden Welten sein kann? Darum könnte es gehen, aber wie das eben so ist mit dem eigenen Verwandtenkreis: Wirkliche Freunde hat man anderswo.

Die gegenseitige Neugierde aber ist da, und sie macht sich derzeit das Wiener Tanzquartier - die vielleicht spannendste Bühne der Stadt - zunutze: "Wir haben die besten Leute in dieser Stadt zusammengebracht, die möglich waren", sagt Gareis über "Dresscode", das große Tanz-Mode-Projekt, das das Tanzquartier gemeinsam mit Unit F Büro für Mode initiiert hat - im Rahmen der Austria Fashion Week. Jeweils ein Wiener Tanzkünstler bzw. eine -formation wurde mit einem Modedesigner zusammengespannt - vier Teams sind so entstanden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das ist der Ausgangspunkt: Was dann passiert, das wusste anfangs niemand so genau. "Die Arbeit war sehr anders als sonst", erzählt Philipp Gehmacher, Aushängeschild der jüngeren Wiener Choreografen-Riege: "Wie passen wir zusammen, wie sieht der andere meine Arbeit?" Gehmacher arbeitet mit dem Linzer Modedesigner Wolfgang Langeder zusammen, der dem Choreografen und Tänzer eine ganze Reihe von Outfits verpasst hat: darunter ein wunderbar geschnittener blauer Anzug und eine weiße Kapuzenjacke mit dazugehöriger dünner Sommerhose.

Kein Dekor, keine Erotik, dafür Konzentration auf das Wesentliche: Das verbindet die beiden Kreativen in ihrer Arbeit. Gehmacher, der minimalistische Dekonstruktivist unter den Tanzschaffenden, und Langeder, der mit seinen Klamotten über die Funktionsweise von Kleidung nachdenkt. "Es war mir von Anfang an klar: Wir arbeiten in unterschiedlichen Feldern an einem ähnlichen Projekt", ist Langeder überzeugt.

Das lässt sich auch in ähnlicher Hinsicht über andere Verbindungen sagen, die sich im Laufe des Projekts formierten: Über die in Wien lebende französische Choreografin Anne Juren etwa und das Designerduo Hartmann Nordenholz (Sie kreieren mit zehn Tänzern eine Musicalnummer - allerdings ohne Musik), über die Modedesignerin Eva Blut und Kroot Juurak. (Sie untersuchen Klischees von Mode im Alltag.) Aber auch über das österreichisch-französische Performance-Kollektiv Superamas, das sich mit den Designerinnen Mel.Merio und Claudia Rosa Lukas zusammengetan haben. Sie interessiert in erster Linie der Kontext, in dem Tanz und Mode stehen.

Und der ist nicht wirklich weit voneinander entfernt: Das Starsystem ist in beiden Künsten stark ausgeprägt. Der Druck innovativ zu sein enorm. Das erzeugt mitunter eine Menge an Glitzer und Glamour: "Es wird eine Westernshow geben", erklärt Sigrid Gareis das Superamas-Merio-Lukas-Projekt: "Auf dem Bühnenkubus, den die Künstlerin Ines Doujak für dieses Projekt geschaffen hat."

Von subtilerer Art sind die ästhetischen Schnittmengen zwischen den beiden Kontrahenten: Historisch gesehen beeinflusste die Geschichte des Tanzes die Geschichte der Mode enorm. Von den Ballets Russes über die Ausdruckstanz-Bewegung bis hin zu den postmodernen Balletten eines William Forsythe hat Mode immer auch auf die Entwicklungen des Tanzkosmos reagiert - und natürlich umgekehrt. Beides - sowohl der Tanz als auch die Mode - haben den einen großen, gemeinsam Nenner: den menschlichen Körper.

"In meiner Arbeit ist der Körper als Zeichen schon immer wichtig gewesen", erklärt Philipp Gehmacher: "Im Rahmen von ,Dresscode' beschäftige ich mich jetzt erstmals auch mit Kleidung als ein Statement." Und das funktioniert nirgends so gut wie auf der Bühne. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/169/2005)

"Dresscode": 20. und 21. 9. in der Halle G des
Museumsquartier, Tel.: 581 35 91
  • Flor de Illusion von Wolfgang Langeder
    www.flordeillusion.at

    Flor de Illusion von Wolfgang Langeder

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