Ein bisschen sexy muss er schon sein, ...

27. Oktober 2005, 22:54
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Wie attraktiv man auf das andere Geschlecht wirkt, ist meist eine berufliche Frage

Wie attraktiv man auf das andere Geschlecht wirkt, ist meist eine berufliche Frage. Ein bisschen sexy muss er schon sein, der Beruf, das ist schon die halbe Miete bei einer Verführung. Also ich, neulich in schicker Bar, in schicker Herrenbegleitung (ich sag ja immer: it needs one to catch one) frage einen exzentrischen Mittzwanziger, ob er Musiker sei. Nein, antwortet der, er war's zwar einmal, aber es war auf Dauer zu langweilig, und er ist lieber Architekt geworden.

Holladradiöh! Musiker sind langweilig. Endlich ist es einmal gesagt worden. Der Anzuhimmelnde war in Begleitung von anderen Architekten, davon einer weiblich und Prix-Anbeter, und ein anderer hatte sechs Kinder von sieben verschiedenen Frauen. Architekten scheinen magisch auf die Libido zu wirken.

Leider sind die Erzeugnisse von Architekten selten so sexy wie sie selbst. Es gab jedoch einen Architekten, der Schwanzer hieß (oh, man fühlt sich wie bei Thomas Mann mit seinem bildhaften Nachnamen), der hat in München für die Firma BMW einen aufrechten Vierzylinder-Kolben in den Himmel getrieben und außerdem die weiß Gott einzige sexy Hütte in Wien gebaut. Ich verstehe wenig von Architektur, außer dass gotische Bögen spitz sind und man in Magdeburg jetzt ein Hundertwasserhaus baut, um zu einer Art von Bilbao-Effekt zu kommen, sprich Tourismus, Boom, Arbeitsplätze und Geld, und dass man in Wien Hundertwasserhäuser für das nackte Grauen hält. Außerdem weiß ich noch, dass ich gerne im Herrn Schwanzer seinem 20er-Haus wohnen würde, weil es die einzige sexy Hütte in Wien ist.

Wenn ich unter sexy Architekten gerate, dann fang ich immer an, vom 20er-Haus zu sprechen, dann mögen mich alle, weil das 20er-Haus gilt als guter Geschmack. Ich will ja immer umziehen, aber wenn man die Mühsal einer Übersiedlung auf sich nimmt, will man sich schließlich verbessern, und nach der Epstein-Hütte, in der ich jetzt wohne, ist das ein hartes Unterfangen. E. rät mir immer zu einem Haus. "Du wirst entspannter, wenn du erst mit den Kindern in einem Haus wohnst", meint sie, aber ich weiß ja, in welchen Gegenden die Häuser in Wien liegen und trau mich dort nicht hin. In diesen edlen Gegenden könnte ich wirklich nicht entspannt sein, sondern müsste Tag und Nacht hackeln. Es gibt aber ein Haus am Südbahnhof, zentral, miese Gegend, im Grünen und ideal für Kinder. Das 20er-Haus vom Herrn Schwanzer. Alle lieben es, aber keiner streicht die Fensterrahmen. Es ist völlig am Verfallen. Ich erbarme mich und werde es kaufen. Morgen ruf ich den Burghauptmann an und biete einen Euro. Das Angebot kann er nicht ablehnen!

Und dann gehöre ich zu der einzigen Berufsgruppe, die sexy für Architekten ist: die Hausbesitzer. Für einen Architekten gibt es sicher nichts Aufregenderes als einen Hausbesitzer. Das wäre der Bilbao-Effekt für meine Libido!

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
Zufall@derstandard.at
(Der Standard/rondo/16/9/2005)

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