Vor uns die akademische Wüste

3. November 2005, 14:22
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Die OECD stellt Österreich für den Schulbereich ein passables Zeugnis aus. Der Uni-Bereich wird aber als bildungspolitische Krisenzone ausgeschildert. Trotzdem gibt Österreich im Vergleich immer weniger Geld für Bildung aus

Anna ist fünf Jahre alt. Vor ihr liegen im Schnitt 16,1 Jahre "Ausbildungszeit" - weil sie eine Österreicherin ist. Ihr Cousin Thomas wird indes 17,2 Jahre in seine Ausbildung investieren, denn er ist Deutscher. Lebten die beiden heute Fünfjährigen in Australien, hätten sie im Schnitt 21,1 Jahre Bildungszeit vor sich. Sie würden also mit hoher Wahrscheinlichkeit studieren. Und wären sie in der Türkei geboren, dann hätten sie schon nach zwölf Jahren die durchschnittliche Ausbildungsdauer ihres Landes hinter sich.

Diese durchschnittliche "Bildungserwartung" geht aus der am Dienstag weltweit präsentierten neuesten Bildungsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor. "Education at a Glance 2005" (Bildung auf einen Blick) vergleicht und interpretiert auf 512 Seiten zentrale Bildungsindikatoren von 30 OECD-Staaten.

Durchwachsene Bilanz

Für Österreich sind die Noten der OECD-Analysten durchwachsen. Für den Schulbereich ganz gut, für den Uni-Bereich schlecht. Aus der relativ kurzen Bildungserwartung lässt sich schon ablesen, dass sich mit relativ großer Wahrscheinlichkeit kein Studium ausgehen wird. In der Tat ist die Akademikerquote noch immer die große Schwachstelle, die die OECD auch diesmal für Österreich ausweist. Sie ist zwar von elf Prozent im Jahr 1999 auf 15 Prozent (inklusive Pädaks) im Jahr 2003 gestiegen. Österreich liegt aber noch immer weit abgeschlagen hinter dem OECD-Akademikerschnitt von 24 Prozent.

Ein zweite Erklärung für die niedrige Akademikerquote ist die unterdurchschnittliche Studienanfängerquote. Im OECD-Schnitt beginnt jeder zweite Jugendliche ein Studium (53 Prozent), in Österreich nur jeder Dritte (35 Prozent), in Schweden sind es 80 Prozent eines Altersjahrganges. Dafür werden besonders wenig österreichische Studierende (19 Prozent, OECD-Schnitt 32 Prozent) "im typischen Abschlussalter" fertig, weisen dann aber einen höheren Zug zum Doktorhut auf: Hier zu Lande promovieren 1,9 Prozent eines Jahrganges.

In überschaubarem und vergleichsweise gutem Rahmen bewegen sich die jungen Österreicher laut OECD-Vergleich während der Schulzeit davor. Die durchschnittliche Klassengröße ist nämlich kleiner als der OECD-Schnitt. In österreichischen Volksschulen sitzen im Schnitt 20,1 Kinder (OECD-Mittel: 21,6), im Sekundarbereich (AHS-Unterstufe, Hauptschule) sind es 24 (OECD-Mittel: 23,9). Gute Noten gibt es auch für die Anzahl der Schüler, für die eine Lehrperson zur Verfügung steht. Mit Ausnahme des Kindergartens (17,6 Kinder pro Betreuerin, OECD-Schnitt: 14,4) hat Österreich überall ein besseres Betreuungsverhältnis. In der Volksschule kommen 14,4 Kinder auf eine Lehrerin (OECD-Schnitt: 16,5), im Sekundarbereich betreut ein Lehrer 10,1 Schüler (OECD: 13,6)

Unter den Ausreißern nach unten rangiert Österreich bei den Bildungsausgaben. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) sinken sie weiter. 1995 wurden 6,1 Prozent des BIP für Bildung ausgegeben, 2001 noch 5,8 Prozent und 2002 waren es noch 5,7 Prozent, womit Österreich unter dem OECD-Schnitt von 6,1 Prozent liegt. Dazu schreibt die OECD: "Bildungsausgaben als Prozentsatz des BIP zeigen anhand des für Bildung verwendeten Anteils der Gesamtressourcen eines Landes die Priorität von Bildung in dem entsprechenden Land auf."

Höhere "Bildungsquoten" weisen die USA (7,2 Prozent), Dänemark (7,1), Schweden und Norwegen (6,9) auf. Pisa-Sieger Finnland erreicht mit sechs Prozent viel bessere Schülerleistungen als Österreich. Der Rückgang der Bildungsquote in Österreich geht übrigens ausschließlich auf den öffentlichen Sektor zurück, private Ausgaben stagnieren (0,3 Prozent).

Unter dem OECD-Mittel (12,9 Prozent) liegt in Österreich (11,5 Prozent) der Anteil der öffentlichen Bildungsausgaben an den öffentlichen Gesamtausgaben. Gegenüber 1995 gab es hier aber ein Plus von 0,2 Prozentpunkten. Bei der realen Steigerung der Gesamtausgaben für Bildung zwischen 1995 und 2002 bleibt Österreich ebenfalls zurück. Irland etwa steigerte in diesem Zeitraum die öffentlichen Bildungsausgaben um fast 60 Prozent, Österreich um neun.

Deutlich über dem Schnitt (10.665 Dollar) liegt Österreich bei den jährlichen Ausgaben pro Schüler (8266 Dollar, kaufkraftbereinigt, Platz 5) und Studenten (12.448 Dollar, Platz 7). Spitzenreiter im Uni-Bereich sind die Schweiz (23.714 Dollar) und die USA (20.545 Dollar). (LISA NIMMERVOLL/DER STANDARD-Printausgabe, 14.9.2005)

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