Unwetter-Katastrophen: Düstere Aussichten für den Alpenraum

12. Juli 2006, 14:30
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Klimaexperte pro­gnostiziert dramatische Szenarien mit Folgen für Tourismus, Land- und Forst­wirtschaft - Mit Infografik

Wien - Dramatische Zukunftsprognosen bezüglich des weltweiten Klimawandels klingen immer dann besonders beunruhigend, wenn sie aus dem Munde renommierter Wissenschafter kommen. So geschehen am Dienstag in der Zentrale der Österreichischen Hagelversicherung in Wien. Wolfgang Seiler, Leiter des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen, zeichnete ein - auch für Österreich - überaus Besorgnis erregendes Szenario.

Nicht mehr aufzuhalten

Die globalen Veränderungen seien nicht mehr aufzuhalten, selbst mit der Erfüllung der Kyoto-Ziele könne die Erderwärmung nicht gestoppt werden. Cineastische Horrorszenarien - wie etwa Roland Emmerichs "The Day After Tomorrow", in dem urplötzlich die nördliche Hemisphäre zufriert - bezeichnete Seiler aber als "Vergewaltigung physikalischer Gesetze": "Der Golfstrom wird sich in den kommenden 100 Jahren nicht sonderlich verändern." Dennoch: In der nächsten Dekade werde die Durchschnittstemperatur um drei Grad Celsius steigen - ein vergleichbares Klima habe laut Seiler in den vergangenen drei Millionen Jahren auf der Erde nicht mehr geherrscht.

Darum tritt der Klimaforscher auch nicht für eine Stabilisierung der CO2-Emissionen ein, sondern für eine "drastische Senkung": "Kohlendioxid bleibt für 120 Jahre in der Atmosphäre." Auch für Österreich werde der Klimawandel Folgen haben. In den kommenden 40 Jahren wird für den Alpenraum ein Temperaturanstieg um zwei Grad Celsius vorausgesagt. Die Konsequenzen: Zunehmende Verdunstung, wachsende Intensität und Frequenz von Niederschlägen, mehr Hagel, aber auch mehr Dürreperioden, Verringerung des Bodenwassergehalts, Hochwasser, Murenabgänge, Schädlingsinvasionen.

Selbst der Wintertourismus in Österreichs Bergwelt werde nicht verschont bleiben: "Seit 1950 ist die Schneefallgrenze um 100 Meter gestiegen, auch die Schneebedeckung geht stetig zurück." Seiler rechnet in den kommenden 30 Jahren mit einem Richtungswechsel des Tourismusstroms: "In den Mittelmeerregionen wird es dermaßen heiß werden, dass die Leute in den Norden reisen, um ihren Urlaub in halbwegs normalem Klima verbringen zu können."

Licht am Ende des Klimatunnels

Doch Seiler sieht Licht am Ende des Klimatunnels: "Wir sind noch zu retten. Und jeder kann zur Verringerung des Schadstoffausstoßes beitragen." Das beginne bereits beim Einkauf von heimischen Lebensmitteln: "Es ist nicht notwendig, dass Obst oder Gemüse zehntausende Kilometer transportiert wird."

"Die Auswirkungen des Klimawandels sind nicht mehr aufzuhalten - wir müssen uns jetzt mit den Folgen beschäftigen", appelliert Seiler. Sprich: Hochwasserschutz, Frühwarnsysteme, Niederschlagsvorhersagen und vieles mehr. Der Wissenschafter hält eine CO2-Reduktion um 80 Prozent bis zum Jahr 2100 für durchaus denkbar: "Die technischen Voraussetzungen sind da - jedoch fehlen im Moment Leidensdruck und politischer Wille." (APA)

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    Der Vergleich macht sicher: Die obere Aufnahme zeigt den Blomstrandbreen-Gletscher in Norwegen im Jahr 1918. Heute ist von den großen Eismassen nur wenig übrig. Ähnliche Auswirkungen des globalen Temperaturanstiegs sind auch in den Alpen zu beobachten.

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    Die Folgen des globalen Klimawandels für den Alpenraum

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