"Aufholen, nicht Klasse wiederholen"

16. März 2006, 12:20
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Schulbeginn ist Nachprüfungszeit: Das Wiederholen der Klasse sei kontraproduktiv, sagt die Schul- psychologin Mathilde Zeman und fordert durchdachte Alternativen

STANDARD: Mit welchen Fächern kämpfen viele Schüler?

Mathilde Zeman: Meist wendet man sich mit Lernschwierigkeiten oder nach Versagen in Deutsch, Mathematik und in den Fremdsprachen Englisch und Französisch an uns.

STANDARD: Wo liegen hier meistens die Probleme?

Zeman: Es ist häufig das Verständnis: Das Nichtverstehen im Unterricht oder die Unklarheit, was zur Prüfung verlangt wird. Das sind Ursachen für das Leistungsversagen.

STANDARD: Woran liegt das?

Zeman: Die Hauptursache ist, wenn die besuchte Schule mit den Neigungen und Fähigkeiten nicht übereinstimmt, wenn sich der Schüler für etwas ganz anderes interessiert.

STANDARD: Da kommt das österreichische Schulsystem auch nicht wirklich entgegen . . . Zeman: Natürlich. Aber es ist nicht nur das Schulsystem sondern auch die Arbeitsmarktsituation. Es ist sehr schwierig, eine Anstellung zu finden und es löst Stress aus, zu wissen, sich immer höher qualifizieren zu müssen.

STANDARD: Haben Sie Tipps?

Zeman: Man muss die Ursachen erkennen und sich nicht zwingen, alles auszuhalten. Für Abhilfe muss an der Wurzel angesetzt werden, mit einem Schulwechsel oder Hinweisen zum richtigen Lernen.

STANDARD: Kommt auch viel Druck von den Eltern?

Zeman: Die gute Absicht bewirkt manchmal das Gegenteil. Wenn Eltern zu verstehen geben, dass sie nur bei Erbringen guter Leistungen stolz wären und, wenn die Noten negativ sind, sagen: "Warum kannst du das nicht und das andere schon?" Leistung gleichzusetzen mit Liebe und Zuwendung ist ein gefährlicher Kreisprozess.

STANDARD: Wird auch Druck vonseiten der Lehrer spürbar?

Zeman: Die Schule ist nicht nur mit der Wissensvermittlung sondern auch mit Erziehung konfrontiert. Lehrer stehen ihrerseits unter starkem Druck, neben Wissensvermittlung und Erziehungsarbeit noch Freund-Kumpel- und Elternersatz sein zu müssen, was sich im Verhalten zu den Schülern widerspiegelt.

STANDARD: Sollten Lehrer dahingehend weiter ausgebildet werden?

Zeman: Sowohl in der Ausbildung als auch in der Begleitung, das ist notwendig. Aber das ist eine Ressourcenfrage.

STANDARD: Wie sind die Reaktionen auf Nachprüfungen?

Zeman: Habe ich mich gut vorbereitet und die Nachprüfung positiv absolviert, dann habe ich dieses Defizit aufgeholt. Allerdings gibt es die Erfahrung, dass wenn eine Nachprüfung nicht bestanden wird, sich der Schüler zwar in dem Fach leichter tut, aber in anderen den Zug versäumt.

STANDARD: Das heißt, das Wiederholen keine Lösung ist?

Zeman: Ja. Ich bin dafür, dass man eine Form findet, Rückstände aufzuholen. Das muss nicht die Klassenwiederholung sein. Beispielhaft ist die modulare Oberstufe in Wien. (DER STANDARD-Printausgabe, 13.9.2005)

ZUR PERSON:

Mathilde Zeman (53) leitet die Abteilung für Schulpsychologie und Bildungsberatung des Wiener Stadtschulrates

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    foto: schuelerstandard
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