Entsagung, Läuterung und Rebellion

29. August 2006, 17:48
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Der taiwanesisch-amerikanische Regisseur Ang Lee erhielt für "Brokeback Mountain", ein Melodram um die Liebe zweier Cowboys, den Goldenen Löwen

Weitere Auszeichnungen gingen an Philippe Garrel, George Clooney und Abel Ferrara.


Venedig - Der Konsenskandidat musste sich am Ende mit Nebenpreisen begnügen. George Clooney erhielt für sein intensives Kammerspiel in einem Newsroom, Good Night, and Good Luck, das man in Italien auch ob der problematischen Verquickung von Medien und Politik gerne als Hauptsieger gesehen hätte, den Drehbuchpreis. David Strathairn, der den CBS-Journalist Edward R. Murrow als schmallippigen Kämpfer gegen Senator McCarthy gibt, für seine minimalistische Darstellung verdientermaßen den Coppa Volpi.

Die Jury, der neben dem italienischen Produktionsdesigner Dante Ferretti (Vorsitz) unter anderem die Regisseurin Claire Denis sowie die Filmemacher Amos Gitai und Edgar Reitz angehörten, bewies Eigensinn und prämierte Ang Lee für Brokeback Mountain mit dem Goldenen Löwen. Der Entscheidung kommt gesellschaftspolitische Brisanz zu: Festivaldirektor Marco Müller stieß bei der Aufnahme des Films auf Widerstände seitens italienischer und amerikanischer Vertreter.

Universelles Thema

Dabei erweitert der Film die Liebe zwischen zwei Cowboys zum universellen Melodram. Nur fernab der Gesellschaft, gleichsam geschützt von den Weiten einer Berglandschaft, wagen es die beiden Südstaatler, aus ihren sozialen Rollen auszubrechen. Das Drama entfaltet seine Kraft aus der Entsagung. Ang Lee setzt auf ein klassisches Erzählmuster, aber die Genauigkeit, mit der er die moralische Strenge eines urtypischen US-Milieus über mehrere Jahrzehnte untersucht, ohne dabei die Freiheit der Figuren einzuschränken, ist beeindruckend.

Sowohl Clooneys als auch Lees Arbeit - John Turturros überdrehte Working-Class-Nummernrevue Romance & Cigarettes ließe sich mit Einschränkungen noch hinzu fügen - standen für eine erstarkte Form des US-Independent-Kinos im Wettbewerb, das sich nicht länger abseits von Majors entwickelt, sondern, geeint durch die Interessen eines Kollektivs, am Rande davon. Es sucht keine Revolte wie die früheren Erneuerungsbewegungen. Es setzt dem Mainstream eines High-Concept-Kinos bloß eine neue Lust am Erzählen von einer mannigfaltigen Realität entgegen.

Unterdessen verwirklicht ein US-Autor wie Abel Ferrara, der in den 80er- und 90er-Jahren für sein widerborstiges Kino zum Darling der Filmkritik wurde, seinen Film Mary als internationale Koproduktion. Dass er nun den Spezialpreis der Jury übernehmen durfte, dürfte sich vor allem dem Umstand verdanken, dass er am Lido für die nachhaltigsten Kontroversen sorgte. Das spricht allerdings weniger für den Film als gegen einen Wettbewerb, der wenig Anstößiges bot, wenige Laufbilder, die spalteten.

Natürlich ist Mary als Reaktion auf Mel Gibsons fundamentalistischen Jesus-Film The Passion of Christ interessant. Die anfängliche Vielschichtigkeit von Ferraras Arbeit, die die Passion eines Filmemachers und seiner Hauptdarstellerin kurzschließt mit dem Leidensweg eines Fernsehmoderators und dann noch für die Hermeneutik apokrypher Evangelien wie politische Aktualitäten Platz findet, weicht allerdings immer mehr einem sonderbaren Prinzip der Läuterung, dem auch die nachtkalte Ästhetik kaum Zwischentöne mehr hinzufügt.

Immerhin zeichnet Ferraras Film eine streitbare persönliche Vision aus. Nicht behaupten lässt sich das von Park Chan-wooks Sympathy for Lady Vengeance, der den Rachefeldzug einer jungen Frau mit halblustigen Gags und stilistischen Angebereien zumüllt; auch nicht von Fernando Meireilles' biederer John-le-Carré-Adaption The Constant Gardener, der kaum ein Klischee des Politthrillers auslässt, aber das mit flirrenden Oberflächen zu kaschieren versucht.

Im Unterschied zu solchen Modeerscheinungen - auf die sich bedauerlicherweise Verleiher stürzen - mutet das Kino des Franzosen Philippe Garrel zeitlos an. Zurecht erhielt er für seine Revision der Studentenunruhen von '68, Les Amants réguliers, den Regie- und William Lubtchansky für seine fragilen Schwarz-Weiß-Aufnahmen den Kamerapreis. Garrel deutet den Revolutionär als Poeten, der sich verweigern muss. Ideologische Debatten sind rar. Es geht um einen Bruch mit dem prosaischen Lauf der Dinge, um eine Rebellion, die verglimmt, sobald sie einem Zweck folgt.

Ungenützte Momente

Les Amant réguliers verzichtet denn auch auf Handlungsräume im engeren Sinn. Der Film zeigt junge Menschen, die sich zunächst auf den Straßen von Paris politisch positionieren, dann aber in muffigen Räumen Opium rauchen und in einen Dämmerzustand abgleiten - Gesten und Haltungen, in denen Augenblicke ungenützt verstreichen.

Neben Garrel gab es vielleicht nur einen Film, der derart kompromisslos war: Lech Kowalskis Essayfilm East of Eden, der den Hauptpreis der Nebenschiene Orrizonti erhielt. Der erste Teil besteht aus einem Interview mit der Mutter des polnischstämmigen Filmemachers, in dem sie von ihrer Verschleppung in einen sibirischen Gulag erzählt. Im zweiten Teil reflektiert Kowalski über seine Anfänge als Regisseur in New York, seine Faszination für die Ränder der Gesellschaft: Junkies, Punks und Obdachlose.

Das Leiden der Mutter findet (und bebildert) Kowalski hier indirekt. Er befragt seine Motivationen für ein Filmemachen, das keinen anderen Auftrag hat als Zonen sichtbar zu machen, in denen er dem nackten Menschen begegnet. East of Eden ist die Revision eines Kino, das aus dem Geist der Anarchie kommt und keinen Markt kennt. Seine Nähe zum Elend ist deshalb nie spekulativ, und seine rohen Bilder sind ehrlicher als so manche inszenierte.

Die Zukunft des Festivals hängt indes von ganz anderen Fragestellungen ab. Marco Müller knüpft seine Vertragsverlängerung an die Errichtung eines neuen Festivalpalastes - der alte gilt als zu klein und als baufällig - und einen Filmmarkt für die Einkäufer. Ob hier ein Konsens gefunden wird oder sich Eigensinn durchsetzt, ist freilich noch nicht entschieden. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.09.2005)

Von Dominik Kamalzadeh
  • Eine "Great American Lovestory", die sich im Geheimen vollzieht: Jake Gyllenhaal (re.) und Heath Ledger als Cowboys in Ang Lees prämiertem Western-Melodram "Brokeback Mountain".
    foto: tobis

    Eine "Great American Lovestory", die sich im Geheimen vollzieht: Jake Gyllenhaal (re.) und Heath Ledger als Cowboys in Ang Lees prämiertem Western-Melodram "Brokeback Mountain".

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