Die Ozean-Klarinettisten

3. Oktober 2005, 16:03
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Auf Gozo geht jeder Tauchschüler gleich ins Meer. Die Einstiegsstellen eignen sich selbst für Anfänger

Der lebenslange Vagabund Odysseus hat hier gleich für sieben Jahre Station gemacht. Der Sage nach hat ihn die Nymphe Calypso in ihrer Höhle auf der maltesischen Insel Gozo festgehalten. Nicht mit Gewalt, versteht sich. Das weltberühmte Liebesnest ist heute hoch oben im Felsen über dem schönen Sandstrand von Ramla I-Hamra (kein Scherz) natürlich ein Touristenmagnet. Karg, aber angeblich echt.

Auf Gozo, der kleineren Schwesterinsel Maltas - und klein bedeutet, dass man von jedem Punkt der Insel aus den Horizont des Festlandes ausmachen kann - betritt man aber nicht nur mythologischen Boden, sondern im Falle der Unterwasserwelt auch mystische Gefilde. Das vom Mittelmeer einmalig umspülte Inselarchipel, 200 km südlich von Sizilien, gehört wegen seiner reichen Unterwasserfauna und -flora zu den beliebtesten nahen Taucherdestinationen. Nicht nur unter Profis.

Ein Tauchkurs auf Gozo ist auch die ideale Herausforderung für unternehmungsfreudige Strandurlauber. Dreizehn Tauchschulen bieten derzeit ganzjährig ihre Dienste an. Für Fortgeschrittene heißt die allererste Adresse "Azure Window" und liegt bei Dwejra im Südwesten, wo auch ein kleines Binnenmeer dem gemütlichen Baden Raum gewährt. Hier fordern Unterwasserhöhlen und -spalten die Artistik jedes Könners heraus. Zurück zu den Anfängern: Leider sind die besten Tauchlehrer zugleich die miesesten Autofahrer. Sie bringen, entweder von der Wut über die nicht einfachen Straßenverhältnisse oder von der Leidenschaft für das bevorstehende Taucherlebnis gepackt, die keineswegs staubfreien Gefährte bei jeder Anfahrt gerne zum Hüpfen (die Sanierung des gozitanischen Straßennetzes durch eine deutsche Baufirma hätte das gesamte Jahresbudget der Insel verschlungen).

Die wie viele Malteser aus Großbritannien stammenden Diving-Instructors der Tauchschule Gozo Aqua Sports haben auch noch ihren Spaß dabei, wenn nach geglückter Ankunft am Strand die Büromenschen schmähstad aus dem Jeep purzeln. Dafür nimmt man bei Gozo Aqua Sports das Tauchen zu hundert Prozent ernst. Gemäß internationalen Standards und den von der maltesischen Regierung regelmäßig geprüften Vorschriften werden hier zukünftige Taucher nur nach ärztlichen Tests aufgenommen. Bevor einen also der eineinhalbstündige Einführungsfilm mit Basisinformationen über das Tauchen in die Schulbank zwingt, haben sich alle Teilnehmer den Vormittag lang einem Gesundheitscheck zu unterziehen. Dann geht's direkt ins Meer!

Kein Beckenrandtauchen, kein Probeschnorcheln. Die Einstiegsstellen eignen sich selbst für blutige Anfänger. Wer es bereits geschafft hat, alle Problemzonen in seinem Neoprenanzug selbstständig unterzubringen, erhält ein erstes Lob, dann wird's allerdings schwieriger. Denn jeden auch noch so aufgeschlossenen Tiefseeträumer befällt im Angesicht des Schlauchgewühls und dessen für physikalisch Unbedarfte doch recht unglaubwürdigen Druckluftsystems ein beklemmendes Gefühl (Summa summarum: Knöpfe drücken und blasen).


Unter Wasser husten

Tauchen kann riskant sein, ein Anfängerkurs ist aber für jeden zu schaffen. Wie? - Wie eine alte Schildkröte torkelt man beim ersten Mal mit der zwölf Kilo schweren Druckflasche über den Meeresgrund und bekommt beim uneleganten Zeitlupengezappel doch prompt Salzwasser durch die Taucherbrille. Typisch.

Da es aber selbst für Husten und Räuspern unter Wasser eine Lösung gibt (man hustet und räuspert sich einfach), ist auch das so genannte "Ausblasen" der Taucherbrille nach ein paar Versuchen kein Problem mehr. Und nachdem man nach gewisser Zeit auch verinnerlicht hat, dass Tauchen trotz allem nicht Schwimmen ist, und Tempi sogar hinderlich sind, macht man allmählich eine halbwegs unpeinliche Figur. Zumindest deutet einem der stets kontrollierende Tauchlehrer irgendetwas Hoffnung Erregendes rüber.

Für die unstrapazierte Wahrnehmung der wunderschönen Wasserwelt Gozos ist man beim ersten Tauchgang seines Lebens freilich noch nicht bereit. Da verliert man zunächst noch die Flosse oder sinkt als Ganzes unwillentlich ab. Schon beim zweiten Mal aber weitet sich der anfängliche Tunnelblick und man schaut in eine sonnendurchflutete Tiefe von zehn Metern und eine ebensolche 30-Meter-Weite, bevölkert von eigentümlich benannten Wesen (ein Biologieführer empfiehlt sich: Knurrhähne, Tonnenschnecken, Himmelsgucker, Zackenbarsche, Hornhechte, ein Oktopus war dabei und sämtliche Makrelen- und Heringsschwärme). Den illustren Wasserbewohnern mag man, nicht nur aufgrund des doch überraschend lauten Atemgeräuschs, erscheinen wie ein asthmatisches Walross.

Doch das ist egal, denn es ist einfach wundervoll. (Der Standard, Printausgabe 10./11.9.2005)

Von Margit Affenzeller Info

Gozo Aquasports
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