"Als ORFler bin ich für soviel Gebühren wie möglich"

9. Oktober 2006, 14:36
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Demnächst soll es auch Radio-Nachrichten als Podcast geben, kündigt ORF.ON-Geschäftsführer Franz Manola an

etat.at: Die ARD bietet seit kurzem die Tagesschau um 20 Uhr auch als Podcast an. Dazu gibt es auch Real- und WindowsMedia-Video-Streams. Warum hält sich der ORF mit solchen Angeboten zurück?

Franz Manola: Der Eindruck trügt. Sowohl die ZiB als auch alle "Bundesland heute"-Sendungen sind seit Jahren als Stream abrufbar. Und die Tonspur einer TV-Nachrichtensendung als Podcast anzubieten, ist etwas, was unseren Nachahmungs-Reflex nicht augenblicklich triggert. Uns scheint das Podcasting in der eigentlichen Audiowelt derzeit besser aufgehoben zu sein. Wir sind daher Anfang des Jahres auf unsere Kollegen von Ö3 zugegangen und haben mit ihnen ein Podcast-Programm entwickelt. Die Idee dabei ist: Es kann mit Elementen von Radioinhalten arbeiten, aber es muss für den Kopfhörer optimiert sein. Podcasts kann man nicht nebenbei hören. Bei Ö3 ist man da mit großer Begeisterung und Professionalität dabei.

"Reine Materialschlacht"

etat.at: Die BBC geht sogar einen Schritt weiter. Der britische Rundfunksender will Fernseh- und Radioprogramme künftig bis zu einer Woche nach Ausstrahlung ins Internet stellen. TV-Sendungen zum Download - was hält man bei ORF ON davon?

Franz Manola: Für ein Rundfunk- und Fernsehhaus besteht das New-Media-Problem hauptsächlich darin, ein plausibles Text- und Stills-Angebot ins Web zu bringen, weil diese Ausdrucksebenen in der Unternehmenskultur nicht selbstverständlich da sind. Digitale Fernseh- und Radioprogramme auf Web-Server zu stellen und abrufbar zu machen, ist ja an sich trivial. Das ist eine reine Materialschlacht. Und auf Materialschlachten versteht sich die BBC deshalb besser als alle anderen, weil sie der reichste Broadcaster der Welt ist. Bei uns sind die Ressourcen knapper und daher muss man zu rechnen beginnen, ab welchem Zeitpunkt eine solche Vetriebsform neben allen anderen, die wir schon haben, Sinn macht. Aber früher oder später kommt das auf jeden Fall.

etat.at: Wird es neben den Ö3- und FM4-Podcasts auch andere ORF-Podcasts geben? Ö1-Beiträge gibt es ja nur für Clubmitglieder. Wäre eine freie Podcast-Version, zum Beispiel vom Morgenjournal, denkbar?

Franz Manola: Radio-Nachrichten im Podcast-Format werden demnächst angeboten.

"Krisenbedingte verlegerische Angstprojektionen"

etat.at: Horst Pirker, VÖZ-Präsident und Styria-Vorstand, sagte in Alpbach, dass es "für Zeitungen, Fernsehen und Radio um Leben oder Tod" gehe. Google und Co könnten "Lindner, mich und unsere Redakteure den Job kosten. Durch die Entwicklung intelligenter Software und User-generiertem Content wird die Luft für die klassischen Medien sehr dünn." Wie beurteilen Sie das?

Franz Manola: Google will jetzt das neue Microsoft werden. Microsoft wollte noch vor einigen Jahren die gesamte Medienwelt aufkaufen oder sonst wie in die Knie zwingen. Inzwischen hat sich Microsoft von allen Medien-Phantasien verabschiedet. Google ist da schon klüger und hat vermutlich keine. Das sind krisenbedingte verlegerische Angstprojektionen. Fernsehen, Radio und Print kommen unter Innovationsdruck, dem sie ja bisher hartnäckig ausgewichen sind, und sie werden redimensioniert, aber sie gehen einer neuen Renaissance entgegen, davon bin ich fest überzeugt. Ich hoffe, dass Pirker seinen früher so erfrischenden Optimismus wieder findet. Sonst wird ihm zwar Google nichts tun, aber Wolfgang Fellners erste Post-Web-Tageszeitung.

etat.at: Seiten wie CNN und BBC binden Stories und Fotos von UserInnen verstärkt in die Berichterstattung ein. Ein Trend mit Zukunft?

Franz Manola: Ein Trend der Gegenwart. Als österreichische Website mit dem bei weitem größten User-generierten Content zeigt ORF.at ja täglich, wie stark sich Nutzer mit einem Medium identifizieren, dem sie als Publizisten willkommen sind. Das kann man gar nicht weit genug treiben. Es macht aus einem Medium mein Medium.

"Ein Thema, das andere nicht machen wollen oder können, das aber wichtig ist"

etat.at: Die EU prüft die Online-Aktivitäten öffentlich-rechtlicher Sender. Ende Juni wurden Seiten wie comics.orf.at und games.orf.at vom Netz genommen. Was macht für Sie ein öffentlich-rechtliches Online-Angebot aus?

Franz Manola: Zwischen der EU-Prüfung und der Einstellung dieser Seiten besteht kein direkter Zusammenhang. Beide Seiten hatten ausgesprochen öffentlich-rechtlichen Charakter, waren aber bei gegenwärtigen Sparprogrogramm des ORF leider nicht mehr zu rechtfertigen. Die eine war der Kunstgattung des Comics gewidmet, die es hierzulande besonders schwer hat; die andere hat Online-Spiele in einer Art angeboten, die Sie am Markt in dieser Form nicht finden konnten. Das macht kommerziell keinen Sinn, weshalb gewinnorientierte Anbieter solche Themen, wenn überhaupt, ganz anders anlegen müssen. Und damit haben Sie Definition eines Angebots im öffentlichen Interesse: entweder ein Thema, das andere nicht machen wollen oder können, das aber wichtig ist. Oder aber Standard-Formate in einer Qualität, wie sie andere nicht leisten können. Schon bald wird sich herausstellen, dass die EU das auch so sieht.

"Infrastruktur eines post-industriellen Landes sollte gefördert werden"

etat.at: Laut GIS sind "alle technischen Geräte, mit denen man Radio- und Fernsehprogramme empfangen kann", eine "Rundfunkempfangseinrichtung" und damit meldepflichtig, zum Beispiel PCs mit TV-Karte. Rundfunkkonsum ist aber auch via Radio-Stream möglich. Somit wäre jeder Computer, auch ohne TV-Karte, gebührenpflichtig?

Franz Manola: Als ORFler bin ich für soviel Gebühren wie möglich, aus welcher Quelle auch immer. Ich verstehe aber auch jene, die sagen, die moderne Infrastruktur eines post-industriellen Landes sollte gefördert werden und nicht von Handymast-Steuern und PC- und Festplattenabgaben behindert werden.

Vorbild AGOF

etat.at: Die deutsche Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) wird in die Media Analyse integriert. Ist das AGOF-Modell Ihrer Meinung nach ein Vorbild für Österreich?

Franz Manola: Unbedingt. Jeder Mediaplaner benötigt neben den reinen Quantitäten auch die integrierten qualitativen Aussagen über das Publikum eines Mediums. Das ist eine Conditio sine qua non, um den Mediawert, den Web-Medien längst generieren, endlich vermarkten zu können. (sb)

  • Franz Manola ist Geschäftsführer von ORF ON, der bestbesuchten Onlineplattform laut ÖWA (2,7 Millionen Unique Clients im August).
    foto: orf.at/schauer

    Franz Manola ist Geschäftsführer von ORF ON, der bestbesuchten Onlineplattform laut ÖWA (2,7 Millionen Unique Clients im August).

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