Flucht aus dem Leben in die Fernsehrealität

16. März 2006, 12:20
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Niedrige Ausgaben, hohe Zuseherzahlen, kaum Niveau: Das Erfolgsrezept der Reality-Sendungen

Wien - "Die Welle des Reality-TV hat ihren Höhepunkt überschritten", meint Dodo Roscic, Formatentwicklerin des ORF. Davon merkt man jedoch im deutschsprachigen Fernsehen kaum etwas: "Sarah and Mark in Love", zu sehen auf Pro7, und "Bauer sucht Frau" auf ATV+ sind nur zwei Reality-Formate, die seit Kurzem erfolgreich gesendet werden.

Der Erfolg von Reality-Fernsehen begann nicht erst 2000 mit "Big Brother", sondern bereits zehn Jahre zuvor mit der Sendung "Notruf", die Unfälle und Rettungsaktionen zeigte. Damit löste RTL die Welle der Reality-Formate aus - von "Big Brother" über "Hilfe, ich bin ein Star - holt mich hier raus" bis zu "Tausche Familie".

Ein Grund für die Produktion von Reality-Sendungen ist, glaubt man dem ATV+ Unterhaltungschef Andreas Schneider, "das Minimum an Kosten bei einem Maximum an Marktanteil". Beispiel "Tausche Familie": keine Studio-, keine Schauspieler- und keine Drehbuchkosten.

Rauchen reicht nicht

Reality-TV verändert sich. Rauchende Menschen in einem Container reichen für Erfolg nicht mehr. Sendungen wie "Dancing with the Stars", die in absehbarer Zukunft im ORF ausgestrahlt werden wird, wären vor zwei Jahren noch nicht denkbar gewesen, sagt Roscic. "Mit dem Reality-TV hat das Fernsehen seine eigenen Grenzen ausgelotet. Es geht wieder zurück zur Familienunterhaltung", ist sich die Ex-Moderatorin von "Taxi Orange" sicher. Den Erfolg des Reality-Formats erklärt Jürgen Grimm, Medienethiker am Institut für Publizistik der Uni Wien, damit, dass es nicht gespielt und nicht fiktional sei, die gezeigten Probleme oft aus dem Alltagsleben kämen und damit den Orientierungsbedarf des Publikums träfen. "Reality-TV zeigt echte Menschen, mit echten Problemen", fügt Schneider hinzu. Michael Weixelbraun, Gewinner des letztjährigen Wanderausfluges "Expedition Österreich" entgegnet: "Die Hälfte der Streits hätte es ohne die Kamera nicht gegeben."

Die Motivation der Zuschauer, sich derartige Sendungen anzusehen, sei, "über die dort zur Schau gestellten Menschen zu lästern", erklärt Grimm. Genau das sieht er als außerordentlich problematisch an. Er betrachtet es zwar als positiv, dass auch Leute aus ärmeren Schichten öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, befürchtet aber, dass diese "ärmere Schicht für die Mittel- und Oberschicht zur Schau gestellt wird".

Eine Folge des Reality-TV sei der Eskapismus, die Flucht aus der Realität. "Alltagssituationen im Fernsehen werden von einem bestimmten Teil der Zuseher als ein Ersatz für das eigene Alltagsleben missbraucht", weiß Grimm.

Von Georg Döcker, Katharina Kickinger, Christoph Leschanz, Isabella Mandl sowie Vivian Scheiber
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