"Dem Terror den Nährboden entziehen"

16. März 2006, 12:20
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Die Auswirkungen des Terrors sind auch in Österreich spürbar. Muslime fühlen sich von den Medien bedrängt, während das Sicherheits­vorkehrungen verstärkt werden

Wien - Die Schura-Moschee im zweiten Bezirk ist ein Ort der Ruhe, wo man mit einem leisen "Willkommen" eines Gläubigen begrüßt wird. In dem schlichten Raum bietet der rote Teppichboden, den man nur ohne Schuhe betreten darf, Platz für ein Gespräch mit Omar Al-Rawi, Integrationsbeauftragter der muslimischen Gemeinde Österreich. Gegenüber der Gebetsnische erklärt Al-Rawi, dass sich die Muslime in Österreich aufgrund der "sozialen Sicherheit, Daseinsvorsorge und Toleranz zwar wohl fühlen", jedoch seit den jüngsten Terroranschlägen verstärkt von den Medien angegriffen wurden. Dabei werde keine Rücksicht genommen, und kein Unterschied zwischen radikalen und friedlichen Muslimen gemacht.

So seien zum Beispiel Fotos der Schura-Moschee als Bilder einer möglicherweise radikalen Moschee abgedruckt worden. Besonders in Zeitungsleserforen gebe es viele rassistische Kommentare, kritisiert Al-Rawi. "Law and Order ist keine Lösung", zur Vorbeugung von Anschlägen seien "eine komplette Neuorientierung" sowie "ein längeres Projekt" notwendig, da "man den Krisenherd angehen und den Terroristen den Nährboden entziehen muss". Neue Gesetze sollten "Gleichberechtigung für alle" bieten und "keine besonderen Gesetze für Muslime" sein. "Man muss sensibel vorgehen und auf die Bürgerrechte achten".

Gemeinsam stark

Die Zusammenarbeit zwischen dem Staat und der muslimischen Gemeinde Österreich funktioniere gut, da man genügend Ansprechpartner für etwaige Probleme habe, und außerdem auch auf einem guten Fundament aufbaue. Diese Meinung teilt auch Rudolf Gollia, Pressesprecher des Innenministeriums. "Es gilt von beiden Seiten, extremistischen radikalen Tendenzen vorzubeugen." Zurzeit seien "solche Tendenzen aber nicht erkennbar", meint Gollia. Falls die Integration, insbesondere von muslimischen Jugendlichen, nicht entsprechend gestaltet werde, könnten aber "Parallelgesellschaften" entstehen, die eine mittelfristige Bedrohung für Österreich darstellen würden.

Wichtig sei vor allem die Vorbeugung von Terrorangriffen, denn selbst beste Polizeiarbeit zur Ausforschung der Täter belebe die Toten nicht wieder. "In Österreich ist das Videografieren, also die gleichzeitige Aufzeichnung und Überwachung durch die Polizei seit 1.1.2005 gesetzlich erlaubt." Außerdem "ist Innenministerin Liese Prokop grundsätzlich für die Vorratsdatenspeicherung durch die Telefonbetreiber", die auf EU-Ebene angestrebt wird. Auf Flügen von Wien nach London werden bewaffnete Beamte, so genannte "Sky Marshalls" eingesetzt. "Präventionsmaßnahmen" wie Videoüberwachung empfindet Gollia "kaum als wesentlichen Eingriff in die Privatsphäre", aber zu Polizisten an jeder Hausecke meint er nur: "Nein, das brauch i ned." (DER STANDARD-Printausgabe, 6.9.2005)

Von Christina Feist, Teresa Wirth, Andreas Prischl und Peter Rennmayr
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    foto: sophie langer
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