Van der Bellen: "Rückgang der Schülerzahl ist Chance"

3. November 2005, 14:09
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Grüne warnen vor Abbau der Lehrerposten und fordern eigenes Förderlehrer-Kontingent

Wien - Man nehme alle Pflichtschullehrer des Burgenlandes und der Steiermark und streiche ihre Posten. Dann hat man eine ungefähre Vorstellung davon, um wie viele Lehrer weniger es in Österreich in sechs Jahren geben wird - um 12.500. Vor diesem Szenario warnten die Grünen am Mittwoch. Demnach werde bis 2011 die Zahl der Pflichtschullehrer-Dienstposten insgesamt um 12.500 schrumpfen, quasi als Nebenwirkung der sinkenden Schülerzahlen, rechneten Grünen-Bundessprecher Alexander Van der Bellen und Bildungssprecher Dieter Brosz vor.

Die hochgerechnete Zahl der Lehrerstreichposten ergebe sich aus den gültigen Finanzausgleichsregelungen in Verbindung mit der sinkenden Zahl der Schulanfänger. Van der Bellen will indes den Zusammenhang "Weniger Schüler, daher weniger Lehrer" aufbrechen: "Gerade der Rückgang der Schülerzahlen ist eine Riesenchance, um die Betreuung in der Schule zu verbessern." Die Regierung müsse das "historische Fenster" nutzen und "bei gleich bleibendem Aufwand die Schulergebnisse verbessern".

Eine Gruppe macht Van der Bellen besondere Sorgen: "Es ist unerträglich, dass ein Fünftel der 15- und 16-Jährigen nur über unzureichende Lesefähigkeiten verfügt. Auf diese Art wächst das Arbeitslosenheer der Zukunft."

Bildungssprecher Brosz will daher vor allem im Förderbereich mehr Ressourcen einsetzen und ein Kontingent von "10 Prozent explizit ausgebildeter Förderlehrer" installieren. Zudem wollen die Grünen einen Rechtsanspruch auf Unterricht in Ganztagsschulen sowie ganztägige Betreuung, individuelle Förderung und mehr Unterstützung für Alternativschulen.

Den Förderunterricht hat auch die von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) eingesetzte Zukunftskommission als Schwachstelle im Schulsystem ausgemacht. Im Kommissionsbericht wird eine "Überprüfung der Effektivität des Förderunterrichts" durch eine "breite Effektivitätsstudie" gefordert.

Schlecht gefördert

Verschiedene Leistungsstudien hätten gezeigt, "dass der Förderunterricht für schwächere SchülerInnen nicht jene Effektivität aufweist, die er potentiell aufgrund des zeitlichen Umfanges, der eingesetzten Ressourcen und der anspruchsvollen Zielsetzungen haben sollte." Nachhaltiger Leistungszugewinn bei schwächeren Schülern sei "oft kaum messbar. Mögliche Ursachen können mangelnde diagnostische Fähigkeiten der FörderlehrerInnen oder in der fehlenden Kompetenz zur symptom- oder ursachenspezifischen Förderung liegen", schreiben die Experten. (DER STANDARD-Printausgabe,8.9.2005)

Von Lisa Nimmervoll
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