Muscheln unterm Hirschgeweih

10. November 2005, 15:46
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In die Welt der Modeschauen ist Ruhe eingekehrt. Keine Spektakel mehr, keine Schockmomente, keine aufgeplusterten Shows

Vom 9. September an wurde wieder gelaufen. Erst in New York, dann in London, danach in Mailand, zum Schluss in Paris. Egal, was um sie herum passiert - die Mode bleibt bei ihren Läufern wie das Kleid beim Körper, das Kollektion für Kollektion von einem Träger getragen und vorgeführt sein will. Natürlich hat es bei den Schauen Puppen anstelle von Frauen gegeben (Alexander McQueen zum Beispiel) und Informationstafeln anstelle von Kleidern (Martin Margiela). Lebende Modelle haben sich tot gestellt (Robert Normand), und Totes wurde künstlich zum Leben erweckt (Hussein Chalayan). Natürlich haben Designer längst versuchsweise gleich das gesamte Schau-Prinzip boykottiert (Viktor & Rolf) oder es ganz ohne Laufsteg probiert (www.fashionfugitive.nl). Doch alles in allem haben sich Laufsteg und Läufer als äußerst beständig erwiesen - so beständig etwa wie der White Cube als Präsentationsform der bildenden Kunst.

Zuletzt als fast schon schockierend beständig: kein Riesenspektakel, keine Schockmomente, keine Showeffekte. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen die Modelle auf Kunsteisflächen im Schneegestöber in Plexiglaskäfigen Schlittschuh liefen, in denen sie sich von schlangenartig sich windenden Roboterarmen Neonfarbe aufs weiße Kleid ejakulieren ließen, vorbei die Zeit der Miesmuschel-, Quallen- und Frischhaltefolien-Kleider, der verspinnwebten Turmfrisuren, der aufgesteckten Hirschgeweihe, blutverkrusteten Brüste und amputierten Körperteile. Passé der Wille zum Ausdruck, die Ära der dichten, Geschichten erzählenden Spektakel.

Doch warum ist das so?

Nachdem Designer wie Thierry Mugler in den Achtzigerjahren die für die Massen und Medien geöffneten Defilees mit opulenten Unterhaltungsshows, viel Schall, Rauch und rosarotem Konfetti auch für die Besucher in den letzten Reihen aufzublasen wussten, hat die Aufmerksamkeitstaktik der nachfolgenden Generation in einem anderen Profilierungsbegehren ihren Ursprung genommen.

Sie kamen in den Neunzigern aus den Kunsthochschulen, machten Mode mit Konzept, dachten in interdisziplinären Kategorien und suchten nach angemessenen Ausdrucksformen. Informieren und schockieren, und die gängigen Präsentationsformen brechen: Das dürfte ein verbindendes Anliegen der um Erklärung und Kontextualisierung des eigenen Schaffens bemühten Konzept-Spektakler gewesen sein. Wie viele Kunstkuratoren ihrer Generation, die dem White Cube unter anderem den Vorwurf machten, die Kunst als totes Tauschobjekt zu inszenieren, begannen sie, mit neuen, sozialen, ethischen oder historischen Präsentationsformen zu experimentieren. In komplexen Konzeptschauen und Anti-Spektakel-Spektakeln ließen Margiela und Chalayan den Laufsteg den Laufsteg, die Schau die Schau, die Mode die Mode kommentieren; McQueen und Galliano zeigten sich ästhetischen Überwältigungskonzepten aufgeschlossen, fügten dem schönen Schein aber Schatten und Schäden zu.

An Radikalität verloren

Viele der rebellischen Kollektionen und Schauen haben in dem Maß an Radikalität verloren, in dem ihre Schöpfer Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung erhalten haben. Das hat Caroline Evans in ihrem Buch "Fashion at the Edge" festgestellt. Tatsächlich wurde etwa McQueen Anpassung vorgeworfen (Haupteigner seiner Linie ist immerhin die Gucci-Group).

Gerade im Fall des zum Enfant terrible stilisierten Londoners aber, der seine spektakelnden Schauen auf Video hat dokumentieren lassen, lässt sich bestens beobachten, wie den Details - McQueens perfekt geschnittenen Kleidern, den komplizierten Frisuren, dem erhabenen Schmuck, den Flora und Fauna entliehenen Materialien -, wie dem eigentlich Spektakulären im Spektakel die Show gestohlen wird.

Die Beruhigung der Schauen, die Tendenz, das Präsentierte aus dem Präsentationsrahmen wieder herauszutrennen, das "Gesamtkunstwerk" wieder in seine Teile aufzulösen, kommt - so banal das auch ist - den frei gelegten Details zugute. Galliano ließ die Modelle im Frühjahr über ein schwarz-weißes Spielfeld laufen, das an Flughafenrollfeld-Markierungen, vor allem aber an Lars von Triers "Dogville" erinnerte - als wolle er nun auch in der Mode per asketischem Setting mit dem Illusionismus brechen, um sie von der Oberfläche weg auf die transportierten Gehalte zu lenken. Indem die Neutralisierung des Catwalks den unverstellten Blick zulässt, ist sie, nebenbei, näher an der so gern zur Aufwertung herbeizitierten Kunst als die meisten den Kunstbilderfundus bloß plündernden Spektakel.

Muss man wirklich die Schattenseiten des Glamours...

... demonstrativ nach außen stülpen, muss man alles in Kontexte stellen und alle Konzepte erklären? Manche Geschichte erzählt sich ganz von allein - was der Erklärung bedarf, ist der Erklärung nicht wert, hat Karl Lagerfeld kürzlich Voltaire zitiert - und vieles profitiert, wenn es dem Gegenüber überlässt, selbst nachzudenken. Um Entzücken und Horror und die Ahnung von Tiefe unter der Oberfläche zu wecken, hilft manchmal auch ein in den Raum geworfenes Hitchcock-Zitat, zum Beispiel in Form einer schlichten, unaufgeregt defilierenden und in ihrer ruhigen Eleganz etwas unheimlichen Blondine. Und natürlich das Kleid, das sie trägt!
(Der Standard/rondo/09/09/2005)
Von Mirja Rosenau
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    Spektakulär auftrumpfende Modeshows wie jene von Alexander McQueen ...

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    ... oder Hussein Chalayan gibt es heute kaum mehr.

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