500 Schafe für den Stern von Südafrika

3. Oktober 2005, 15:55
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Im Londoner Natural History Museum ist derzeit die weltgrößte Diamanten-Ausstellung zu bestaunen

Eigentlich sind die Geschichten, die hinter den Juwelen stehen, viel interessanter, als es die Edelsteine in all ihrer funkelnden Pracht jemals sein können. Reden wir vom "Unvergleichlichen", dem drittgrößten Diamanten, der je geschliffen wurde. 407 Karat schwer, gelbbraun schimmernd, perfekt angestrahlt, auf dass er seinen Glanz aufs Eleganteste verbreite, sorgt er dafür, dass sich die Neugierigen am Vitrinenglas die Nasen platt drücken.

Den Unvergleichlichen, "The Incomparable", hat durch puren Zufall ein Mädchen gefunden, Anfang der 80er-Jahre, im Distrikt Mbuji-Mayi im damaligen Zaire. Hinterm Anwesen ihres Onkels spielte die Kleine auf einer Halde, die ein Bergwerk aus Schutt aufgetürmt hatte. Angeblich, erzählt man sich im Natural History Museum zu London, wurde sie für den sensationellen Fund mit einem billigen Transistorradio abgespeist. Vielleicht stimmt das, vielleicht ist es auch nur Diamantenlatein, belegt ist es nicht.

Oder der Moussaieff Red, ein überaus seltenes Exemplar. Er wiegt zwar nur 5,11 Karat, reichlich ein Gramm, leuchtet aber in zartestem Preiselbeerrot, einer der schönsten Diamanten überhaupt. Ein Bauer in Brasilien las ihn Mitte der Neunziger auf. Der Millennium Star von De Beers wiederum, ein birnenförmiges Schwergewicht, hat einen der spektakulärsten Raubzüge aller Zeiten provoziert, in der britischen Hauptstadt, wo er zurzeit wieder zu besichtigen ist. Eine Bande englischer Ganoven, bewaffnet mit Rauchbomben, Vorschlaghämmern und Nagelpistolen, wollte das Schmuckstück vor fünf Jahren aus dem Millennium Dome stehlen, dem stählernen Riesenzelt, mit dem Cool Britannia dem Zeitgeist ein Denkmal zu setzen gedachte. Im Bulldozer rasten die Diebe auf eine Panzerglasscheibe zu, auf der Themse lag ein Fluchtboot bereit. Doch kaum hatten sie ihre Beute im Visier, zückten Scotland Yards Polizisten, längst vorgewarnt, ihre Handschellen.

All diese Anekdoten kann man sich im Naturhistorischen Museum, einem Prunkbau im Kulturviertel South Kensington, anhand der Originale wunderbar erzählen lassen. Noch bis Februar 2006 ist dort eine Diamanten-Ausstellung zu sehen, laut Eigenwerbung die größte, die jemals organisiert wurde. Freilich, der Koh-i-Noor, der Berühmteste von allen, glänzt durch Abwesenheit. Der Paradestein indischer Mogulherrscher, der später die Krone der unverwüstlichen "Queen Mum" zierte, den die britischen Kolonialherren 1849 als Kriegstribut forderten, liegt, wie sonst auch, bei den Kronjuwelen im Tower. Schließlich kann man die Gäste dort nicht ihrer größten Attraktion berauben, bei den Preisen!

Die Gipsabdrücke indes, die den ursprünglichen Koh-i-Noor nachbildeten, bevor man ihn 1851 neu schliff, die sind im Naturkundemuseum zu sehen. Falls Männer den fabelhaften Brillanten besitzen, heißt es erklärend dazu, stürze er sie ins Unglück. Nur Frauen sei es vergönnt, den "Berg des Lichts" zu tragen. Natürlich darf auch Marilyn Monroe nicht fehlen, mit ihrem seit 1953 zigfach wiederholten Spruch "Diamonds are a girl's best friend". Gleich neben der Monroe ist es eine edle Schnupftabakdose, die bewundernde Blicke auf sich zieht, geschmückt mit 16 Diamanten, auf dem Deckel das Bild eines schnurrbärtigen Uniformträgers mit ausufernden Epauletten.

Sir Roderick Impey Murchison bekam die kostbare Dose vom russischen Zaren Alexander II. geschenkt: Im 19. Jahrhundert hatte der Schotte geologische Erkundungen im Ural geleitet. Dann ist da noch der Franzose Jean-Baptiste Tavernier, ein Multitalent, das Bücher schrieb, die Welt bereiste und Handel mit Schätzen trieb. Tavernier war, als einem von ganz wenigen Westlern, der Zutritt zu den sagenumwobenen Edelsteinminen Indiens erlaubt - im 17. Jahrhundert, als der Subkontinent noch das Mekka der Diamantenförderung war, nicht das später dominierende Südafrika, wo der Rausch erst im Jahre 1869 begann. Der "Star of South Africa", der dort das Fieber auslöste, hängt gleichfalls glitzernd in den Vitrinen. Der Hirte, der den 47-Karäter entdeckte, wurde seinerzeit mit 500 Schafen, zehn Rindern und einem Pferd belohnt. Schließlich, ganz am Ende der Show, darf auch Martin Chungong Ayafor zu Wort kommen, ein Experte aus Kamerun, der im Auftrag der UNO untersuchte, wie der Zank um Juwelen


den jüngsten Bürgerkrieg im westafrikanischen Sierra Leone anheizte. Bitter beklagt er den harten Alltag der Arbeiter, die in den Diamantgruben schuften, am Tag oft nicht einmal 75 Cent verdienen, aber niemals aufgeben, in der Hoffnung, der eine, ganz große Glückstreffer werde sie aus der Armut erlösen. "Man sagt, Diamanten seien für immer", zitiert Ayafor den Titel eines James-Bond-Films. "Aber ein Menschenleben dauert nicht ewig. Zumindest müssen wir es den Leuten ersparen, dass die Gier nach Preziosen sie in blutige Kriege stürzt."


"Diamonds"
Natural History Museum, London
Öffnungszeiten: montags bis samstags 10 bis 17.50 Uhr
sonntags 11 bis 17.50 Uhr, noch bis 26. Februar 2006
Tickets: Erwachsene 9 Pfund
ermäßigt 6 Pfund
Familientickets (bis zu fünf Personen) 24 Pfund
Ticketbuchungen: www.nhm.ac.uk/diamonds oder Telefon: 0044 / 870 013 0731

(Frank Herrmann/Der Standard/rondo/09/09/2005)

  • Artikelbild
    foto: natural history museum london
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