Houellebecq: Schummeln und Jammern

7. Oktober 2005, 11:13
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Ein ungebetener Biograf versucht den Skandalautor zu entlarven

Mit seinem neuen Buch Die Möglichkeit einer Insel (400.000 Auflage in Frankreich, 80.000 im deutschsprachigen Raum) ist Michel Houellebecq derzeit wieder in aller Munde. Besser gesagt Michel Thomas: So heißt der 49-jährige Franzose in Wirklichkeit; seinen Künstlernamen übernahm er von einer Großmutter, die ihn aufzog, nachdem ihn seine Eltern im Alter von fünf Monaten verlassen hatten. Dass er 47 Jahre alt ist, wie er immer behauptete, stimmt auch nicht. Nachgewiesen wird das in einer Ende August erschienenen, "unautorisierten" Biografie des französischen Journalisten Denis Demonpion.

Der ausgewiesene Rechercheur befragte mehr als hundert Freunde und Bekannte des Starautors und traf auf der französischen Tropeninsel La Réunion unter anderem auch dessen Mutter – die von Houellebecq in einem Zeitungsinterview für tot erklärt worden war. Der überführte Schriftsteller verschwieg zum Beispiel auch einen zweijährigen Besuch der Filmschule Louis Lumière.

Warum dieses sonderbare Verhalten? Weil er der Welt weismachen wolle, er stamme sozusagen aus dem Nichts und sei ein noch junges Genie, erklärt Demonpion. So versuche Houellebecq seine Filme als Werke eines Naturtalents hinzustellen, das keine Schulung nötig habe. Dabei stecke harte Arbeit dahinter. "Mit der Aura eines geschlagenen Hundes, seinen langen Schweigemomenten und seiner Zigarette", so Demonpion, zimmere Houellebecq sein Image wie seine Bücher.

Houellebecq hat nun erstaunlich prompt auf die Vorwürfe reagiert – und fast so, als fühlte er sich überrumpelt, ja überführt. Anstatt gelassen über die – faktisch offenbar unanfechtbare – Biografie hinwegzugehen, griff er in langen Augustnächten in die Tasten, um jetzt auf seiner Internetadresse michelhouellebecq.com seine eigene Version zu veröffentlichen. Houellebecq greift nicht nur "Demorpion" ("morpion" heißt auf Deutsch Filzlaus), sondern auch die Leute an, die dem Journalisten Auskunft gaben: "Alle Freunde haben mich verraten, fast alle." Nur von seinen Frauen habe ihn keine einzige hintergangen. Seine Mutter hingegen habe allen Grund, in der Biografie draufloszulügen.

Verdrehte Geschichte?

Ob er 1956 oder 1958 geboren sei, will Houellebecq selber nicht recht wissen – ebenfalls wegen seiner Erzeugerin, die seinen Geburtsschein gefälscht habe. "Meine Mutter war immer eine Expertin in der Kunst, die Darstellung der Dinge zu ihren Gunsten zu verdrehen", schreibt der Meisterverdreher.

In einem mit "20. August 2005, drei Uhr morgens" datierten Eintrag in seiner Homepage kommt er dann in seiner scheinbar so extrovertierten Manier auf den Punkt. "Als ich ein Säugling war, wiegte, streichelte, hätschelte mich meine Mutter nicht genug; sie war ganz einfach nicht zärtlich genug." Heute noch verspüre er einen unerträglichen Schmerz, wenn eine Frau sich weigere, ihn zu berühren und liebkosen. Sein Leiden sei unheilbar; Psychoanalyse habe er deshalb gar nicht erst, Rebirth und Urschrei vergeblich versucht: "Ich weiß, ich werde bis zu meinem Tod ein kleines, verlassenes Kind bleiben, vor Angst und Kälte schreiend, hungrig nach Liebkosungen."

Fast zwanghaft mit seinen Masken und Perspektivwechseln spielend, jammert und fabuliert Houellebecq drauflos. Wie üblich besteht nie Sicherheit, wie ernst er es meint. Ist es Naivität oder Kalkül oder (am ehesten) beides? Egal, der leidende Provokateur hatte ja selbst schon eingestanden, wie gern er jammert und die Leute an der Nase herumführt.

Nun stellt sich aber ein sehr reales Problem für ihn: Seit dem Erscheinen des Buches über ihn kontrolliert Michel Houellebecq sein eigenes Bild nicht mehr. Im Vorfeld hatte er alles unternommen, um sich auch der Biografie zu bemächtigen: Zuerst drohte er handfest, dann bot er seine "Mitarbeit" in Form eigener Fußnoten unter dem Biografie-Text an. Demonpion lehnte ab.

Aus gutem Grund: Nur so, meint er, habe er verhindern können, dass sich Michel Houellebecq auch diese Faktenbeschreibung "einverleibt" und zum Teil seiner Selbstinszenierung gemacht habe.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.9.2005)

Stefan Brändle aus Paris
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    Michel Houellebecq bei einer Lesung in Wien

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