"Würden uns mit Nichtaufnahme der Türkei selbst schaden"

16. Oktober 2005, 20:08
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Gürsel Erel, Chef des Türkei-Spezialisten Bentour, wundert sich im STANDARD- Gespräch über Vorbehalte gegen den Beitritt seines Geburtslandes zur EU

STANDARD: Am 3. Oktober beginnen die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Ist das ein Tag der Freude oder des Nachdenkens für Sie angesichts der Nebengeräusche - Stichwort privilegierte Partnerschaft statt Vollbeitritt?

Erel: Weder noch. Der 3. Oktober ist ein Arbeitstag, da sollte man zu verhandeln beginnen. Zwischen der EU und der Türkei gibt es Verträge. Man kann nicht plötzlich hergehen und sagen, uns passt das nicht mehr, wir wollen etwas anderes. Hier geht es auch um Glaubwürdigkeit für Europa.

STANDARD: Sie sind in der Türkei geboren und aufgewachsen, seit 1978 in Österreich und inzwischen auch Staatsbürger dieses Landes. Verstehen Sie die Vorbehalte, die es hier gegenüber der Türkei gibt?

Erel: Überhaupt nicht. Es gibt enge Bande zwischen beiden Ländern. Viele österreichische Unternehmen sind in der Türkei engagiert, etwa die VA Tech im Energiebereich. Jetzt will die OMV die größte Raffinerie des Landes - Tüpras - mehrheitlich übernehmen, die BA-CA-Mutter Unicredit hat die Bank Yapi Kredi gekauft. Es gibt keinen objektiven Grund, gegen einen EU-Beitritt der Türkei zu sein.

STANDARD: Welche Auswirkungen hätte es für die türkische Wirtschaft, sollte das Land am Ende der Verhandlungen doch draußen bleiben müssen?

Erel: Keine. Die Türkei ist ein nach allen Seiten hin offenes Land. Es gibt Verbindungen in den Nahen Osten, in die ehemaligen GUS-Staaten, in den Schwarzmeerraum, über das Mittelmeer und den Atlantik, sogar nach Amerika. Um der EU beizutreten, muss die Türkei eine Reihe von Hausaufgaben erledigen. Das bringt die Wirtschaft des Landes voran - unabhängig vom EU-Beitritt.

STANDARD: Was hieße ein Draußenbleiben der Türkei für Europa?

Erel: Wir würden uns damit selbst schaden. Die geopolitische Lage ist eine Sache. Es gibt aber auch Bodenschätze, viel Wasser und Energie, die aus dem Kaspischen Raum über die Türkei nach Europa geliefert werden könnten. Sollen wir das den USA überlassen? Und die vielen jungen Türken, westlich orientiert, sprachgewandt? Europa braucht diese Generation.

STANDARD: Der Türkei-Tourismus hat immer wieder Schläge einstecken müssen, jede Anschlagsserie hatte eine Flucht von Gästen zur Folge . . .

Erel: . . . und die Gäste können kaum mehr ausweichen. Auch nach London zu fliegen kann gefährlich sein. Anderswo gibt es Naturkatastrophen, Epidemien. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Die Türkei bleibt ein attraktives Urlaubsland . . .

STANDARD: . . . und der Tourismus eine Säule der türkischen Wirtschaft?

Erel: Sicher. In den letzten drei Jahren ist das türkische Bruttoinlandsprodukt um 26 Prozent gewachsen, die Inflation geht zurück. Das Land ist auf dem richtigen Weg, der Tourismus wächst mit.

STANDARD: Haben Sie vor, auch türkische Gäste nach Österreich zu bringen?

Erel: Ja, das ist geplant. Über unser Partnerunternehmen Bentour International in St. Petersburg wollen wir aber auch Russen hierher lotsen.

STANDARD: Ab wann?

Erel: Das kann schnell gehen, vielleicht ab Frühjahr 2006. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.9.2005)

Zur Person

Gürsel Erel (45) wurde in Izmir geboren und kam mit 18 Jahren als Student nach Österreich. Vor seinem Einstieg bei Bentour als geschäftsführender Gesellschafter hat er unter anderem die Migration der Gulet Touropa Touristik in den TUI-Konzern mitgestaltet.

Das Gespräch führte Günther Strobl.

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