Ein kritischer Geist

18. Oktober 2005, 21:45
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Neulich hatte Wolfgang Schüssels Naturalsubvention an die "Wiener Zeitung" ihren kritischen Tag...

Neulich hatte Wolfgang Schüssels Naturalsubvention an die "Wiener Zeitung" ihren kritischen Tag. Noch gestern habe ich an dieser Stelle die manische Suche nach Schuldigen an jeder Naturkatastrophe kritisiert, schlug sich Andreas Unterberger in seinem nicht ganz unpolitischen Tagebuch vom Samstag an die Brust. Heute muss ich das teilweise zurücknehmen: Es wird immer deutlicher, dass alle Hinweise auf den Zustand der Dämme in New Orleans von den Behörden ignoriert worden sind.

Schön, wenn ein Chefredakteur sein Licht nicht unter den Scheffel stellt, nur weil es ihm später aufgeht als anderen. Daher kann er auch in dem, was er teilweise zurücknehmen muss, getrost teilweise fortfahren, ohne in seiner Suche nach Unschuldigen das Manische allzu heftig zu unterdrücken. Dennoch bleibe ich dabei: 1. Kein Land der Welt kann sich auf solche Schläge wirklich ausreichend vorbereiten, eine Leerformel - was bedeutet wirklich ausrei-chend? -, die einer manischen Entschuldigung der politisch Verantwortlichen für eine menschliche Katastrophe nahe kommt.

2. Auch im nun so oft erwähnten Irak-Krieg war die Logistik das weitaus zeitraubendste Problem, das Monate gekostet hat. Das zeitraubendste Problem, das im Irak-Krieg Monate gekostet hat, als Entschuldigung für sein Wiederauftreten ein paar Jahre später anzuführen, leuchtet ein, haben sich doch die Umstände des Zeitraubes um Bagdad von denen um New Orleans kaum voneinander unterschieden. In beiden Fällen handelte es sich um eine Art Naturkatastrophe, die keine vernünftige Begründung erfordert, solange man nur die richtigen Ausreden für die Folgen parat hat.

3. Daran, dass ein Teil der vor allem afroamerikanischen Einwohner die Anordnung zur rechtzeitigen Räumung der Stadt einfach ignoriert haben, sollte man nicht den Behörden Schuld geben. Auf keinen Fall! Wenn alle Hinweise auf den Zustand der Dämme in New Orleans von den Behörden ignoriert worden sind, gibt das Unterberger Anlass zu Nachdenklichkeit, aber diesen Afroamerikaner noch lange nicht das Recht, die behördliche Anordnung zur rechtzeitigen Räumung der Stadt einfach zu ignorieren. Die haben sich womöglich eingebildet, auf die Behörden könne man sich verlassen. Unterberger kennt eben seine Afroamerikaner, Weiße sind da einfach anders. Und schon gar nicht sollte man 4. am miesen Charakter der Plünderer und Vergewaltiger den Behörden Schuld geben. Womit die manische Suche nach Schuldigen an dieser Naturkatastrophe endlich von Erfolg gekrönt war. Wenn Unterberger Kritik zurücknimmt, dann geht 's halt voran.

Das beweist er nicht nur mit seiner ausgewogenen Kritik an oppositionellen Politikern - Schüssels Investition soll sich ja lohnen -, auch dem lästigen "Falter" musste er kürzlich die Leviten lesen. "Wiener Mädchenhändler": Solche knalligen Schlagzeilen überraschen beim "Falter" irgendwie. Irgendwie? Und wieso? Lassen wir aber die Frage beiseite, ob die breite und detailfreudige Schilderung von schlimmen Details vielleicht vordergründige, auflagenorientierte Motive hat, die eigentlich eher in jene Medien gehören, die der "Falter" so gerne zerschlagen möchte. Lassen wir auch die Frage beiseite, ob der Bericht überhaupt stimmt.

Und nachdem Unterberger all die irrelevanten Fragen, die er wider besseres Wissen aufwarf, beiseite gelassen wissen wollte, holte er zum Schlag gegen das freche Blatt aus: Nicht beiseite zu lassen ist aber die Tatsache, dass sich der "Falter" bei seinen Protokollen auf einen Lauschangriff der Polizei beruft. Denn es war nicht der Mädchenhandel, der Unterberger in diesem Kontext hauptsächlich beschäftigte, es war auch nicht der Lauschangriff, der den wachsamen Bürger stört, nein, ihn bewegte die hochmoralische Frage: Ist das derselbe "Falter", der einst an der Spitze der politisch korrekten Opposition im Kampf gegen den Lauschangriff gestanden ist? War nicht damals auch besonders mit der Sorge argumentiert worden, dass Lauschangriff-Protokolle gezielt den Weg in Medien finden könnten?

Hat Andreas Unterberger als Chefredakteur der "Presse" diese Sorge einst gar geteilt und sieht sich nun vom "Falter" in seinem Kampf allein gelassen? Sollte er insgeheim politisch korrekt sein? So arg wird 's nicht sein. Eher ärger. Hat im grünen Kampfblatt ein Umdenken in Sachen Lauschangriff gegen Verbrecherbanden stattgefunden? Schwenkt man im grünen Kampfblatt gar auf die Linie Unterbergers in Sachen Lauschen ein? Oder sind Lauschangriffe ab nun dann erlaubt, wenn sie sich exklusiv im "Falter" samt gschmackiger Empörung über Schweine im Nadelstreif und ausgebeutete Ostmädchen niederschlagen?

Jawohl, wer nicht stramm und bedingungslos für den Lauschangriff ist, soll der Öffentlichkeit auch nicht berichten dürfen, was dieser zutage fördert. Die ungschmackige Empörung über das grüne Kampfblatt wird sicher in manchen Kreisen der Justiz geteilt. Vielleicht wird ja nach Unterbergers Einsatz der Lauschangriff wieder verboten - nur um dem "Falter" etwas zu Fleiß zu tun. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2005)

Von Günter Traxler
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    foto: der standard/fischer/etat.at
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