"Wurst und Sterne" - Fakten sind Fiktionen

6. Oktober 2005, 17:04
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Daniel Kehlmann im Interview über seinen jüngsten Roman "Die Vermessung der Welt"

In seinem jüngsten Roman "Die Vermessung der Welt" konfrontiert Daniel Kehlmann zwei sehr deutsche Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts: Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß. Mit Cornelia Niedermeier sprach er über Schönheit und Komik wissenschaftlicher Weltaneignung.

Wien – Dem Mathematiker Carl Friedrich Gauß verdankt die Wissenschaft die Entdeckung des gekrümmten Raums – und Parallelen ihm so die Möglichkeit, einander zu berühren. Eine Vielzahl solcher Gauß'scher Parallelenberührungen stiftet Daniel Kehlmann in seinem neuen Roman Die Vermessung der Welt. Er führt Gauß zusammen mit dem Forscher und Entdeckungsreisen Alexander von Humboldt, um sie in Berliner Kamingesprächen griesgrämig aneinander vorbeireden zu lassen. Er beobachtet in Humboldts Reisen das Aufeinandertreffen von Weimarer Klassik und südamerikanischem Dschungel. Und er erfreut sich – und seine Leser – durch die absurde Komik humorloser Wissenschaft. Ein Vexierspiel um Fakten und Fiktion oder, so Kant laut Kehlmann: "Wurst und Sterne".

STANDARD: In Gauß, dem körperlich sesshaften Denker, und Humboldt, dem rastlos Reisenden und Sammelnden, stellen Sie zwei Richtungen westlicher Forschung einander gegenüber.

Daniel Kehlmann: Ja. Da ist einerseits die ungeheure geistige Freiheit von Gauß – seine Widerlegung des Euklidschen Parallelen-Axioms, also der seit Jahrtausenden akzeptierten Annahme, dass zwei Parallelen einander nie berühren: ein Zweifel an Wahrheiten, die als evident galten ...

Humboldt ist weit stärker in Konventionen verhaftet, in den Konventionen und Denkmustern der Weimarer Klassik. In gewisser Weise steht mein Humboldt – denn bei beiden handelt es sich in meinem Roman ja um eine Fiktion, keine wissenschaftliche Doppelbiografie – für die Abwesenheit dieser Fähigkeit, einen vollkommen neuen Blick auf die Welt zu werfen. Auch in Südamerika bleibt er immer der Repräsentant Weimars.

STANDARD: In sauberer preußischer Uniform.

Daniel Kehlmann: Ein sehr frühes Bild von Humboldt, das meine Faszination für ihn geweckt hat, waren die Abbildungen eines Mannes in vollkommen makelloser Bergwerk-Assessor-Uniform inmitten eines schwülen, insektenreichen und rankenvollen Dschungelpanoramas. Er hat sich immer als Repräsentant bewegt. Auch an Orten, wo diese Repräsentation sich in reine Komik auflöst.

STANDARD: "Wann immer einen die Dinge erschreckten", lassen Sie an einer Stelle den Lehrer Humboldts sagen, "sei es gut, sie zu messen." Bietet auch die Uniform solch eine Sicherheit in der Formlosigkeit des Dschungels?

Daniel Kehlmann: Es ist eine konzentrierte Aufrechterhaltung von Ordnung in völlig chaotischen Umständen. Aber bei aller Lächerlichkeit hat das auch etwas Beeindruckendes. Joseph Conrad hat ja dann viel später die Parabel über das Aufrechterhalten der Ordnung geschrieben, Heart of Darkness. Wir sehen dort, was passiert, wenn man in chaotischen Umständen alle Ordnung fahren lässt. Da entsteht ein mordendes Monster, Kurtz.

STANDARD: Alexander von Humboldt, der den Konventionen Verhaftete, ist anderseits der politisch moderne Denker, ein Gegner der Sklaverei.

Daniel Kehlmann: Er war mit seinem Kuba-Werk der entschiedenste Gegner der Sklaverei, dafür gilt er heute noch als eine Art Nationalheld in Kuba. Er war der führende Republikaner seiner Zeit. Umso tragischer, dass er ab einem gewissen Zeitpunkt seines Lebens, weil er sein ganzes Vermögen für Forschung ausgegeben hatte, als Kammerherr an den preußischen Hof musste, um als eine Art Konversationsonkel Abend für Abend mit dem König speisen.

STANDARD: Im Gegensatz zum Menschenfreund Alexander von Humboldt erscheint der Freigeist Gauß im direkten Umgang als Ekel.

Daniel Kehlmann: Auch das hängt mit seiner Gleichgültigkeit gegenüber Konventionen zusammen.

STANDARD: Freundlichkeit als Ergebnis von Konvention?

Daniel Kehlmann: Freundlichkeit entsteht aus Konventionen. Man verinnerlicht Konventionen, ja. Und das ist auch gut so. Freundlichkeit ist auch etwas, was man in gewisser Weise erlernt. Durch das Einhalten von gewissen Verhaltensregeln, die man dann auch verinnerlicht. Ein durchaus asiatischer Gedanke. Der Gegensatz von außen und innen ist ja kein absoluter. Zwingt man sich zu lächeln, wird man nach einer Weile auch fröhlicher. Und wenn man sich zwingt, Formen der Höflichkeit einzuhalten, fängt man tatsächlich an, die Menschen, denen gegenüber man diese Formen einhält, mehr zu schätzen. Konventionen sind also nicht nur negativ, sondern eine Form, sich selbst zu erziehen.

STANDARD: Apropos Form: Sie haben eine auffallend knappe Form für den historischen Stoff gewählt. Auf 300 Seiten durcheilen die Protagonisten zwei Jahrhunderte und vier Kontinente.

Daniel Kehlmann: Verknappung ist das Prinzip dieses Romans. Das Buch verweigert sich der Möglichkeit, ein breiter, epischer Historienroman zu sein. So lassen sich die Gefahren der Trivialität vermeiden, die diesem Genre anhaften.

STANDARD: Den Schweiß, der Humboldt im Amazonas unter seiner Uniform entlangrinnt, sehen und riechen wir nicht.

Daniel Kehlmann: Nein. Alles ist erzählt aus einer Pseudo-Historiker-Perspektive. Ein Historiker würde verknappen. Er würde nicht alle Details erzählen, die Humboldt auf dem Ozean passieren, sondern er würde sagen: "Humboldt überquerte den Ozean".

STANDARD: So reihen sich zahllose Miniaturerzählungen von Kleist'scher Kürze.

Daniel Kehlmann: Das hängt auch zusammen mit einem typisch lateinamerikanischen Erzählgestus: Das Wegwerfen von Geschichten. García Márquez zum Beispiel arbeitet stark damit. Gerade für dieses Buch, das ja in Lateinamerika spielt, habe ich mich davon beeindrucken lassen. Man erzählt, als wäre die Welt so voll von Geschichten und als hätte man selbst so unendlich viele Geschichten zur Verfügung, dass man es sich leisten kann, ständig Geschichten achtlos wegzuwerfen. Sie in ein paar Sätzen zusammenzufassen und einfach fallen zu lassen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.9.2005)

Zur Person

Daniel Kehlmann wurde 1975 in München geboren. Zuletzt erschien 2003 seine erfolgreiche Satire über den Kunstbetrieb, "Ich und Kaminski". "Die Vermessung der Welt", sein fünfter Roman, erscheint am 21. 9. bei Rowohlt und wird in der Österreichischen Nationalbibliothek vorgestellt. Im Oktober erscheint zudem sein Essayband "Wo ist Carlos Montúfar?"

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    Daniel Kehlmann
    "Die Vermessung der Welt"
    Rowohlt

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